Erinnerungen eines Zeitzeugen

Meine Kriegsjahre und
Gefangenschaft im 2. Weltkrieg

1. Oktober 1940 – Anfang Juli 1945

✦ Walter Linkhorst ✦ Hildesheim · Calvörde · Ostfront · Heimkehr ✦ Verfasst Januar 2000
„Zum Glück verblaßt alles Negative und Schreckliche mit der Zeit und gute Erlebnisse bleiben haften — zumindest entspricht das meiner Wesensart." — Walter Linkhorst
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Walter Linkhorst wurde am 14. Oktober 1921 in Aachen geboren. Er war siebzehn, als der Krieg begann, und stand in Hildesheim noch in der Lehre als Groß- und Einzelhandelskaufmann. Mit neunzehn holte ihn der Arbeitsdienst, mit zwanzig die Wehrmacht. Fast fünf Jahre trug es ihn durch den Osten — von Brest-Litowsk bis an den Rand des Kaukasus. Er kämpfte nicht mit dem Gewehr: Er hielt Fernmeldeleitungen instand, die modernste Nachrichtentechnik ihrer Zeit. Sie verschaffte ihm einen seltenen Überblick über das Geschehen — und rettete ihm vermutlich das Leben.

Und mittendrin, im Frühjahr 1941, vier Wochen Quartier in einem Dorf namens Calvörde: Hinter dem Tresen der Bahnhofsgaststätte stand ein Mädchen von noch nicht siebzehn Jahren. Vier Kriegsjahre lang war eine Feldpostnummer die einzige Verbindung zwischen den beiden. Sie wurde seine Frau.

Im Januar 2000, mit 78 Jahren, schrieb er alles nieder — 31 Seiten, getippt von einem Mann, der sechzig Jahre zuvor als „perfekt in Schreibmaschine und Steno" gegolten hatte. Kein Pathos. Keine Ausflüchte. Keine Verklärung. Nüchtern, genau und mit trockenem Humor erzählt er, was er gesehen hat — auch das, was schwer zu erzählen ist.

Dies ist sein Buch.

Walter Linkhorst (1921–2004)
1. Oktober 1940 – Anfang Juli 1945
Januar 2000 · 31 Seiten
Trägerfrequenz-Nachrichten (AEG)
Kapitel I

Reichsarbeitsdienst

1. Oktober 1940 – 31. Januar 1941 · Feldflughafen Jagel, Schleswig

Am 1. September 1939 begann der 2. Weltkrieg mit dem Angriffsbefehl Hitlers auf Polen. Zu dieser Zeit befand ich mich in Hildesheim noch in der Ausbildung als Groß- und Einzelhandelskaufmann. Meine Lehre schloß ich am 31. März 1940 ab und arbeitete weiter in meiner Hildesheimer Firma bis Ende September. Zum 1. Oktober 1940 mußte ich zum „Reichsarbeitsdienst" — der vormilitärischen Organisation der Nazis.

Wir hatten einen frühen und strengen Winter und ich erinnere mich, daß wir im Laufe der Wochen und Monate Unmengen von Schnee auf dem Feldflughafen Jagel, nahe der A7 und südwestlich der kleinen Stadt Schleswig an der Schleybucht, räumen mußten. Die Start- und Landebahn der Luftwaffe, die vorrangig gegen Norwegen und Dänemark eingesetzt wurde, mußte ständig schneefrei gehalten werden.

Im Vergleich zu der noch bevorstehenden militärischen Ausbildung war der Dienst streng, primitiv und auf einem äußerst niedrigen Niveau. Unterkunft und Essen waren spartanisch und anspruchslos, die damaligen Vorgesetzten größtenteils Leute mit niedriger oder gar keiner Ausbildung. Wir jungen Leute nannten uns „Arbeitsmann", dann kam der Vormann, der Truppführer, der Obertruppführer und der Feldmeister und Oberfeldmeister — die beiden letztgenannten mit Leutnant und Oberleutnant bzw. Hauptmann der Wehrmacht zu vergleichen.

Die Hitler-Regierung erreichte mit dem Einsatz des Arbeitsdienstes zweierlei: Das Heer der Arbeitslosen, welches Ende 1933 einen Höchststand erreicht hatte, wurde drastisch vermindert — und für die Fortführung des Krieges, der ins zweite Jahr gegangen war, wurden auch durch den Arbeitsdienst wichtige materielle Vorbereitungen getroffen.

Wie gesagt, der Dienst war hart: Morgens um 5.30 Uhr war Wecken — Waschen und Anziehen in ungeheizten Räumen mit kaltem Wasser (Waschbaracke und „Latrine", alles getrennt voneinander), Unterkunft in den bis heute bekannten Baracken mit Ofenheizung und ohne jegliche Isolierung. Küche und Essenbaracke natürlich alles extra — also tägliche Wege über den Exerzier- und Appellplatz, im eisigen Wind. Natürlich wurde parallel dazu die „vormilitärische“ Ausbildung vorgenommen. Drill, Unterwerfung und Schikane waren an der Tagesordnung.

„Man mußte sich vorstellen, daß der ganze Raum eine einzige Qualmwolke war — aber das wurde hingenommen, denn es war kalt und ein wenig wollten wir uns noch wärmen."

Als junger Mensch hat man vieles leichter genommen und wir waren auch im Stande, dieser Zeit frohe Stunden abzuringen. Ein Ereignis, welches mir im Detail in Erinnerung geblieben ist, war mein 19. Geburtstag.

Auf jeder Stube standen vier Doppelstockbetten, natürlich mit gefüllten Strohsäcken als Unterlage und jeder zwei Wolldecken. In der Mitte ein Holztisch und Schemel, zwischen den Fenstern der Koksofen. Dieser mußte jeden Abend um 22.00 Uhr von Glut und Asche befreit sein — Ofenklappe auf zum Rapport, das heißt Kontrolle. An diesem Abend hatten wir ein wenig gefeiert, und nun mußte um 22.00 Uhr die Glut und die Asche raus sein. Wir also, mit dem Spaten alles in den Blecheimer — den Eimer haben wir dann aus dem Fenster herausgestellt. Wenn die Kontrolle vorbei war, holten wir ihn wieder rein und beschickten den Ofen neu. Der ganze Raum war eine einzige Qualmwolke, aber das wurde hingenommen — vom Bett aus wollten wir uns noch einen zuprosten.

Der Spaten war das Heiligtum für jeden: Obwohl damit am Tage gearbeitet wurde, sah er morgens wie ein Spiegel aus. Und wehe, wenn da eine Scharte dran war, ein blinder Fleck oder gar Schmutz oder Fett.

Am Morgen dann, am 15. Oktober — Spatenappell! Ein furchtbares Geschrei von einem Obertruppführer:

Spatenappell · 15. Oktober 1940 „Arbeitsmann Linkhorst!!! Vortreten! Spaten hochhalten! Was haben Sie mit dem Spaten gemacht?" Ja, was hatte ich gemacht?

Ich hatte abends die glühenden Kohlen damit aus dem Feuerloch des Ofens geschippt. Ergebnis: der Spaten hatte vom Anglühen lauter blaue Streifen, wellenförmig, die natürlich in den Stahl eingedrungen waren. Ein Theater — Volksschädigung — Schädigung des Volkseigentums! Für meine Kameraden war das natürlich ein Gaudi und führte abends zu Gelächter und weiterem Umtrunk.

Es gab auch so etwas, daß man uns Sekt aus Beutebeständen gab — das war das erste Mal, daß ich roten Sekt trinken konnte, ich glaube, es war zu Weihnachten. Aber Gläser hatten wir nicht, also wurde er aus Steingutbechern getrunken.

Eines Tages im Dezember 1940 wurde ich zu dem Oberfeldmeister gerufen, einem der wenigen akzeptablen Vorgesetzten:

„Wir haben gelesen, daß Sie perfekt in Schreibmaschine und Steno sind. Soweit Sie nicht im Außendienst sind, melden Sie sich täglich ab 16 Uhr bei mir — ich habe für Sie etwas zum Schreiben, so ca. drei bis vier Stunden." Der Oberfeldmeister · Dezember 1940

Das war für mich eine willkommene Abwechslung, allerdings kamen mitunter 12 bis 14 Stunden Tagesarbeit auf mich zu: am Tage draußen, ab 16/17 Uhr dann die Schreibereien, während die Kameraden schon auf der Bude waren und Skat spielten. Das Einzige — ich wurde von den unteren „Chargen" ein wenig respektabler behandelt.

Einen „faulen Einsatz" hatten wir Mitte November für ca. 14 Tage: Für einen dänischen Professor mußten wir dessen geschichtliche Ausgrabungen unterstützen. Die dänischen Befestigungen aus den Jahren um 1864/1866 sollten freigelegt werden, und wir machten die Ausgrabungen — allerdings „löffelweise", das heißt, der Erdboden durfte nur zentimeterweise mit einer Maurerkelle abgetragen werden, um alle Überreste aus dieser Zeit zu erfassen und auf einer Schnittkarte einzutragen. In diesen 14 Tagen wurden wir reichlich verwöhnt mit Butter, Schokolade und Zigaretten — alles von dem Professor.

Wir hatten eine Ausgeh-Uniform und für die Arbeit requirierte englische Uniformen und Schuhe. Sonntags ab Mittag hatten wir gelegentlich frei und konnten nach Schleswig hineinfahren. Dort gab es dann „Kneipengang" — allerdings nur so viel, daß man nicht auffiel. Dort haben wir auch gelernt, nach norddeutscher Art Tee mit Rum zu trinken, was wir von zu Hause nicht kannten. Aus purer Not haben wir einmal nach einer langen Zechtour in einer Kneipe einen großen Aschenbecher mitgehen lassen, da wir für sechs Leute keinen hatten auf der „Holzbude".

Jedenfalls haben wir den 31. Januar 1941 herbeigesehnt, ohne zu ahnen, daß viel Schlimmeres später auf uns zukommt. Wir wurden entlassen — nach Dortmund, Gelsenkirchen, Hannover, Hildesheim, Braunschweig, Berlin, wo alle von uns herkamen. Aus Hildesheim war ich der einzige Arbeitsmann.

Das war die Arbeitsdienstzeit — 1. Oktober 1940 bis 31. Januar 1941.

Kapitel II

Einberufung zur Wehrmacht

Februar – April 1941 · Nachrichtenkaserne Hannover-Nordring

Entlassen vom Arbeitsdienst am 31. Januar 1941, war mir ein Urlaub von gut einer Woche beschert. Zu Hause angekommen lag bereits der Einberufungsbefehl zur Wehrmacht vor: „Sie haben sich am 5. Februar 1941 bis 9 Uhr in Hannover, Nordring-Nachrichtenkaserne bei der NEA 13, 3/648 unter Vorlage Ihres Einberufungsbefehls einzufinden." (Das Datum wurde nochmals berichtigt auf den 7. Februar 1941.)

Zu diesem Zeitpunkt traf ich meinen Schwimmkameraden Gustav Engel auf der Straße, und er sagte mir, daß er auch zu dieser Einheit eingezogen würde. Das war für uns beide eine große Freude: Wir waren die einzigen Hildesheimer, die dort zu erscheinen hatten — und wir wußten nicht, daß wir viele Jahre gemeinsam in den weiteren Krieg ziehen werden.

Was die meisten oder fast alle Deutschen nicht wußten: Hitler hatte bereits im Dezember 1940 die Weisung „Barbarossa" zum Angriff auf die Sowjetunion erlassen — und schon am 31. Juli 1940 gab es den Befehl zur Vorbereitung des Angriffs auf Rußland.

Die besagte Nachrichten-Einheit bestand aus Teilen motorisiert und teils „bespannt", das heißt, es wurden auch noch Kompanien unterhalten mit Pferden und dementsprechenden militärischen Ausrüstungen. Das war für uns Städter unerhört interessant. Wir waren ein scheinbar zusammengewürfelter Haufen aus allen Landesteilen — was aber nicht stimmte, wie sich später herausstellte.

Die Kasernen waren alte Backsteinbauten bereits aus der Kaiserzeit, im Gegensatz zu einigen neuen Kasernen, wie ich sie aus Hildesheim her kannte — zum Beispiel die Ledebur-Kasernen, die am Hildesheimer Flughafen oder linker Hand ausgangs der Steuerwalder Straße. Die Kaserne am Nordring war jedenfalls mit der Straßenbahn gut zu erreichen. Wir wurden völlig neu eingekleidet und hatten dreierlei Garnituren: Exerzier-, Drilling- und Ausgehuniform. Bekanntlich waren die Nachrichten-Leute (genannt „Kanarienvögel") gelb paspeliert. Das Drillingzeug war für das Grobe beim Reinigungs- und Stalldienst und der Waffenpflege, die Dienstuniform für draußen „im Dienst" und im Gelände, die Ausgehuniform mit langer Hose, gelber Biese, Schirmmütze und Seitengewehr für den Ausgang.

In den ersten Wochen wurden die Ausbilder hemmungslos auf uns losgelassen — allerdings längst nicht so primitiv und blöde wie im Arbeitsdienst. Trotzdem, Schikane gab es auch hier: auf dem Kasernenhof, an den Eskaladierwänden, an den Übungs-Telegraphenpfählen, beim Reinigungsdienst — Stuben, Betten, Flure, Toiletten — und nicht zuletzt beim Waffenreinigungsdienst.

Wir nannten uns „Funker", wobei unsere Kompanie mit Funken an sich nichts zu tun hatte. Wir wurden neben der militärischen Ausbildung mit Gewehr, Pistole, Maschinengewehr und Waffendienst fachlich in der Schwachstrom- und Elektronik-Technik ausgebildet, daneben der Umgang mit Pferden und dem Gespanndienst, ferner Motordienst und was dazu gehört.

Die Ausbilder kamen vorrangig aus dem norddeutschen Raum, der Spieß ein fanatischer Militarist, ein „Zwölfender". Das waren jene, die sich unrühmlich hervortaten: Sie machten für die Offiziere die „Drecksarbeit" — die Grundausbildung, das Schikanieren, den täglichen Umgang mit den Rekruten. Etliche von ihnen waren schon bei der Besetzung der Tschechoslowakei im März 1939 dabei gewesen und beim Einmarsch in Polen am 1. September 1939.

Vor dem, was uns noch bevorstand und was wir zum Glück zu der Zeit noch nicht wußten, waren wir noch bewahrt. Viele Deutsche dachten, nach der Besetzung der Länder um Deutschland herum sei der Krieg in Kürze beendet. Aber es kam anders und schlimmer.

„Der erste Schock des Krieges. Wir mußten im Zentrum einige Straßen mithelfen, Tote und Verletzte zu bergen. Die toten Zivilisten wurden in einer Kirche aufbewahrt." Nach den ersten Luftangriffen auf Hannover

Die Ausbildung war halbwegs erträglich, zumindest für die Jugendlichen, die den Arbeitsdienst erlebt hatten. Nach den ersten 6 Wochen erhielten wir den ersten Ausgang in die Stadt, unter Aufsicht eines Gefreiten. Zu dem Zeitpunkt begannen die ersten Luftangriffe auch auf die Stadt Hannover, und wir mußten im Zentrum einige Straßen mit räumen, Tote und Verletzte bergen. Das war der erste Schock des Krieges, den wir erlitten.

Natürlich gab es auch Lichtblicke: der Wochenend-Urlaub, wir durften uns im Umkreis von 25 km bewegen. Wir waren findig und sind unauffällig am Café Kröpke in die Straßenbahn Nummer 11 gestiegen und konnten so Hildesheim erreichen — das wußten wir von früher, denn in Hannover, in der Nähe der Hildesheimer Straße, wohnte mein Onkel Heinrich. Sonntagabends um 23 Uhr mußten wir wieder in der Kaserne sein.

Gelegentlich gab es wegen Ulkereien — oder wenn sich Vorgesetzte „verscheißert“ fühlten — Bestrafungen — dann wurde eine Stallwache aufgebrummt und man mußte eine ganze Nacht die Pferde betreuen und die Boxen sauber halten. Ich empfand es im Gegensatz zu anderen nicht als Strafe, denn ich habe mich gerne mit Pferden beschäftigt: putzen, Hufe säubern, striegeln, füttern, tränken, Köttel beseitigen und neues Stroh einlegen.

Ursprünglich sollte die Ausbildung noch weitergehen. Aber unvermutet Ende März wurden wir total neu eingekleidet, dieses Mal in nagelneuer Felduniform mit Schiffchen und Knobelbechern und komplizierter Ausrüstung: Tornister, Gasmaske, Brotbeutel, Seitengewehr und Karabiner 98, Wolldecke, Wintermantel, Umhang — und was da noch war.

Es war kurz vor Ostern und wir wurden per Güterzug verladen. Die Pferdchen und Gespanne blieben zu Hause, und wir wurden ausgerüstet mit LKW „Opel-Blitz", 3,5 Tonnen, Allrad und Plane, auf dem Laderaum längs Sitzbänke, so daß etwa 12 Personen mit Gepäck sitzen konnten. Diese Autos — das wußten wir noch nicht — haben uns bis Kriegsende zur Verfügung gestanden. Die Offiziere fuhren Kübelwagen (VW-umfunktionierte PKW), zum Teil auch Opel-Kapitän.

Wir waren sehr gespannt, was mit uns geschehen würde — wir wußten nicht, wohin es ging. Heute weiß man, daß diese Geheimhaltung bewußt angewendet wurde, um den bevorstehenden Angriff im Osten zu verschleiern. Noch einmal durften wir in neuer Felduniform für 24 Stunden nach Hause fahren. Viele dachten, es ginge auf den Balkan, nach Frankreich, Richtung Italien oder sogar nach Nordafrika zur Armee Rommels. Alles das traf nicht ein — es kam ganz anders!

Kapitel III · Das Herzstück

Calvörde — und Hannelore

Frühjahr 1941 · Die kleine Idylle — vier Wochen, die ein Leben veränderten

Im März 1941, kurz vor Ostern, wurden wir verladen — mit Mann, mit Roß und Wagen. Komplettes Marschgepäck, Waffen, Mannschaftswagen, Feldküchen, alles ging mit. Wir wurden am Bahnhof einer Kleinstadt ausgeladen und in Kompanien eingeteilt. Es stellte sich heraus, daß es sich um Haldensleben handelt — noch nie gehört. Dann hieß es: 1. Kompanie bleibt in Haldensleben, 2. Kompanie auf verschiedene Dörfer der Umgebung, 3. Kompanie nach Calvörde — auch noch nie gehört.

Das ganz Neue war: Wir wurden in Privatquartiere eingewiesen. Ich landete auf dem Amtsweg bei einem Ehepaar so um die 60 herum. Mein Schwimmkamerad Gustav Engel zwei Häuser weiter bei Familie Tiedge. Wir wurden recht freundlich aufgenommen, und man hatte den Eindruck, im Ort herrschte Hochstimmung — eine ganze Kompanie hatte der Ort noch nicht erlebt, und für manche war das total aufregend.

In den nächsten Tagen stellte sich heraus: Wir waren nicht nur aus Hannover gekommen, denn hier wurde gezielt eine Einheit zusammengestellt aus bestimmten Berufen — Leute, die ausgebildet waren in der Schwachstromtechnik, Post- und Fernmeldeingenieure, Elektriker, Mot-Schlosser, und Leute mit einer Ausbildung in Schreibmaschine und Stenographie. Zu diesen zählten Gustav Engel und ich.

Man muß wissen, daß der Krieg erst in seiner Anfangsphase stand und die Leute morgens in der Zeitung nur von den großen Siegen in Nordafrika, auf dem Balkan, in Norwegen und in den besetzten Gebieten Westeuropas lasen. Jeder glaubte, bis Weihnachten sind alle Soldaten wieder zu Hause.

Die Ausbildung wurde spezialisiert fortgesetzt — ein wenig im Gelände „zum Warmmachen", wie sich die Ausbilder ausdrückten, dazu Unterricht in der Nachrichtentechnik im evangelischen Gemeindesaal hinter dem Schulhaus. Alles in allem eine großartige Zeit, denn in der Freizeit wurden wir von den Calvördern rundum verwöhnt. Die Schule selbst mußte einige Klassenzimmer räumen für die Schreibstube, die Offiziere und den Spieß. Zwischen Schule und der St.-Georgs-Kirche war der kleine Appellplatz für die morgendliche Visite.

Der Kompanieführer, ein Hauptmann, war aus dem Thüringischen. Einige Offiziere kamen aus Österreich, ebenso einige Mannschaftskameraden, ein ehemaliger Freikorps-Anhänger aus Wernigerode, einige Ausbilder aus Bayern und aus dem Schwabenland — aus allen Teilen Deutschlands, was nicht immer üblich war — größtenteils gab es Formationen, die ausschließlich oder überwiegend aus einer Region kamen. Das Zusammenleben, der Umgang miteinander, die verschiedenen Dialekte: das waren ganz neue Erfahrungen für uns. Die Offiziere waren durchweg vertretbare Leute mit Niveau und Ausbildung, z.B. Fernmelde-Ingenieure und Spezialisten der Nachrichtentechnik — im Gegensatz zu den nachgeordneten Chargen, meist Berufssoldaten, ans Schleifen und Schikanieren gewöhnt.

Ostern stand vor der Tür und es herrschte ein sonnenfreundliches Fest. Wir wurden von unseren Quartiersleuten total verwöhnt — irgendwelchen Mangel gab es noch nicht, und so wurden wir sonntags und zu den Feiertagen zu Mittag eingeladen. Wochentags erfolgte die Verpflegung aus der Feldküche, die auf dem Hof der Gaststätte „Goldener Löwe" stand.

Die Gaststätte war natürlich der Treffpunkt der Soldaten in der Freizeit, und zu unserer Begrüßung fand auf dem Saal oberhalb des „Goldenen Löwen" ein „Manöverball" statt. Bevölkerung und Soldaten — alles strömte zu diesem Ereignis.

„Auf diesem Ball sah ich meine künftige Frau zum ersten Mal — allerdings nur an der Tür, und nicht beim Tanzen. Schon war sie wieder, wie Aschenputtel, in der Dunkelheit verschwunden."

Gustav Engel und ich waren auch dabei und schauten uns um in der Runde der Leute und der kleinen Mädchen. Einige davon gefielen uns gleich, und daß sie so schüchtern waren und sich nahezu versteckten, das reizte uns — wir meinten, da muß doch noch mehr sein.

Der Dienst ging weiter, und abends zwischen 18 und 22 Uhr machten wir unsere Streifzüge und Entdeckungswanderungen. Daß da auf einer Seite der Mittellandkanal war, entdeckten wir erst einige Tage später. Und daß es einen Bahnhof gab, erst eine Woche später. Der hatte sogar einen Wartesaal — und was noch schöner war: dahinter gab es eine kleine, saubere Kneipe, recht artig, würden wir Städter sagen, mit Tischdecken, kleinen Blumenvasen und einem blitzblanken, verchromten Schranktresen.

Hier muß ich ins Detail gehen: An einem schönen Spätnachmittag gehen wir in diesen Bahnhof und diese Gaststätte — und wer steht da hinter dem Tresen? Die kleine Besucherin vom Manöverball, die schon nach wenigen Minuten verschwunden war. Hannelore Dachenhausen. Noch nicht einmal 17 Jahre jung. Mein Erstaunen, meine Freude und meine Neugier waren groß. Wir kamen recht vorsichtig ins Gespräch, nachdem wir ein Bier bestellt hatten — alles belanglose Sachen, mit dem Versprechen: „Wir kommen mal wieder auf ein Bier."

Meinem Freund Gustav erklärte ich dann im Nachhinein, wo wir die kleine „Schänkerin“ gesehen hatten. Unsere Besuche „auf ein Bier" häuften sich und es wurden kleine Artigkeiten ausgetauscht. Zu meinem ehemaligen Lehrbetrieb, Schokoladen-Großhandel O. Gropp in Hildesheim, hatte ich weiterhin eine gute Verbindung, und so kam es, daß mir diese mehrfach kleine Schokoladen-Geschenke machten. Eines dieser „süßen Geschenke" gab ich weiter an Hannelore Dachenhausen.

Aber so wie heute — sich gesehen, kennenlernen, gemeinsam etwas unternehmen — das ging nicht so schnell und nicht so einfach. Vielleicht lag es auch an dem strengen Regiment des „Papas", der auf das Wohl und Wehe seines 17-jährigen Töchterchens bedacht war. Er selbst war im 1. Weltkrieg ein junger Soldat gewesen — ja, und Soldaten ziehen aus, sie ziehen ein, sie ziehen weiter. Auch die Mutter war eine hübsche, liebenswerte Person und im Umgang mit den jungen Soldaten wohl ein wenig geschickter als die schüchterne Tochter.

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Einiges wäre als freundliche Erinnerung trotz der ernsten Zeit nachzutragen — denn zum Glück verblaßt alles Negative und Schreckliche mit der Zeit, und gute Erlebnisse bleiben haften; zumindest entspricht das meiner Wesensart.

Unser Fuhrpark wurde auf dem zentralen Platz — sprich Schulplatz, Kirchplatz bzw. Rathausplatz, wie auch immer — in Calvörde geparkt und nachts bewacht. Zu diesem Zweck war hinter der Kirche in einem kleinen Gebäude eine Wachstube eingerichtet. Das wußten auch die Calvörder Einwohner. Sie waren uns allen recht gut zugetan, und so kam es, daß die jeweiligen Quartiersleute ihren Soldaten, wenn sie denn Wache hatten, abends allerhand Leckereien brachten, so in der Dunkelheit: mal einen Pfannekuchen, ein Hühnchen oder was vom Geschlachteten. Vergessen kann man nicht: Wenn man so eine Stunde um die Fahrzeuge herumging, schlug alle Viertelstunde die große Kirchenuhr. Ereignen tat sich so gut wie nichts, kaum daß mal viele Leute herankamen.

Daß die kleine Hannelore nach dem Säbel gefragt haben soll, bleibt sicher eine schöne Legende. Immerhin — das Koppel mit dem Seitengewehr hing einmal öfter an der Garderobe beim Bahnhofswirt Hermann Dachenhausen und seiner hübschen Tochter.

Ein Husarenstück leisteten sich Unteroffizier Flaig — ein echter Schwabe — und ich. Er hatte uns immer auf dem Kieker, weil er merkte, daß wir ihn hochnahmen oder veralbern wollten, speziell Gustav Engel und ich. Bei einer der genannten Wachen sprach er mich abends so gegen 22 Uhr an: „Linkhorscht, zeige Se mal Ihr Gewehr!" — Also nahm ich das Gewehr von der Schulter und gab es ihm. Er trat damit einen Schritt zurück, hielt es mir hoch vor die Nase: „Schaue Se mal her — enne Poschte ohne Gewehr, habbe Se das scho gesehe?"„Herr Unteroffizier, machen Sie keinen Quatsch, und geben mir das Gewehr zurück."„Was, mache Se kein Quatsch, das sage Se zum Unteroffizier. Passe Se uff, daß Se nicht wieder reinfalle!" Er gab mir das Gewehr wieder und ging. Wir sind nachher während des Krieges gute Freunde geworden.

Einmal hatten wir über den Zapfenstreich gehauen, und die Streife der Kompanie mit dem Spieß lief durch den Ort. Natürlich kommen sie an dem Abend in Hermann Dachenhausens Bahnhofskneipe. „Leute hier von uns?" — „Nein, Herr Hauptwachtmeister!" — „Also dann, gute Nacht." Wir wieder hoch und dann schnellstens raus. Aber wie nach Hause kommen? Durch den Ort ging nicht. Also Richtung Friedhof, da entlang bis an den Kanal, so einen Kilometer Richtung Haldenslebener Straße — daß dann bald die Brücke kam, wußten wir noch gar nicht. Also die Böschung hoch, durch die hinteren Gärten, über verschiedene Zäune, und dann standen wir plötzlich auf der Straße Richtung Amtsweg. Bei dem damals spärlichen Licht haben wir uns nach Hause geschlichen.

Genau nach vier Wochen war diese kleine Idylle zu Ende. Man versprach sich zu schreiben, Adressen wurden ausgetauscht, und so hinterließ ich Namen und Feldpostnummer 15773. Diese Nummer sollte über Jahre die einzige Verbindung zu Hannelore Dachenhausen sein.

Ein zweites Mal wurde die Kompanie auf dem Kleinbahnhof Calvörde verladen. Viele Leute standen herum um ein letztes Lebewohl zu sagen. Auch meine kleine Freundin stand am Bahnsteig und winkte mit den Anderen.

Kapitel IV

Der Weg nach Osten

Mai – Juni 1941 · Hitzacker · Polen · Miedzyrzec

Wieder wußte kein Mensch, wo wir hinfuhren. Am 30. April 1941 wurden wir in Hitzacker an der Elbe — am westlichen Ufer — ausgeladen. Dieses Mal nicht so freundlich wie in Calvörde: Wir wurden auf zwei Sälen in Massenquartieren untergebracht. Einfache Matratzen, Strohballen wie beim Arbeitsdienst, Verpflegung aus der Feldküche, Tagesdienst, Waffenpflege.

Hier habe ich zum ersten Mal die Elbe kennengelernt. Es war sehr schönes Wetter und wir waren begeistert von dem großen Fluß — und gleich am 1. Mai das erste Freibad in der Elbe: Gustav, ich und einige andere; die meisten haben allerdings zugeschaut. Hier sahen wir auch das erste Mal das Steilufer der Elbe, der Ort selbst sehr reizvoll, Abwechslung in den Kneipen gab es auch. Aber was es nicht gab — was nur in Calvörde war: der Kontakt zu den Menschen. Der Dienst wurde länger und intensiver, die wenige Freizeit reichte mal gerade auf ein Bier.

Inzwischen kannten wir uns näher und es bildeten sich ein paar Grüppchen, die in der Freizeit zusammenhielten: wir beiden Hildesheimer, ein Kölner, ein echter Schwabe, drei Wiener und ein Grazer. Ein paar Armleuchter waren auch dabei, die mußte man einfach ertragen. Und da waren natürlich noch die beiden aus Haldensleben bzw. Wolmirstedt — Dieter Zimmermann und Georg Cicée — und nicht zu vergessen Arnold Möller aus Celle.

Man mußte jene Tage vor dem Hintergrund der großen Ereignisse betrachten, die sich von Februar bis Anfang Mai zugetragen hatten: Die Panzerarmee Rommel steht an der libysch-ägyptischen Grenze — die deutschen Armeen wollen den Suezkanal erreichen. Am 24. Mai wird im Atlantik das Schlachtschiff Bismarck versenkt. In Griechenland kommt es zum Waffenstillstand. Am 20. Mai beginnt der Angriff auf Kreta — 10.000 Fallschirmjäger, von denen ein Teil auf dem Fliegerhorst in Hildesheim beheimatet war, fallen bei diesem Unternehmen. Britische und französische Truppen marschieren derweil in Syrien ein. Aber immer noch wähnen sich Hitler und seine Armeen auf der Siegesstraße. Der Juni 1941 wird zum schicksalhaften Monat für viele von uns.

Um den 1. Juni 1941 herum werden wir erneut verladen und mit weiteren Geräten, vor allem der Nachrichten-Technik, ausgestattet. Die Zeit der „Strippenzieher" tritt in den Hintergrund — gemeint ist das Verlegen einfacher zweiadriger Freileitungen für den Telefondienst. Es werden neuerdings benzingespeiste Aggregate zur Eigenerzeugung von Strom mitgeführt. Wir werden weiter in die Schwachstromtechnik und das Schaltplan-Lesen eingeführt, lernen die Grundkenntnisse der Elektrotechnik, elektrisch löten, Maschinenpflege.

Im Laufe der weiteren 14 Tage geht es immer weiter ostwärts: erste Station in der Nähe der Festung Modlin, nordwestlich von Warschau, dann einige Tage in Warschau selbst. Einen längeren Aufenthalt gibt es in der Kleinstadt Miedzyrzec sowie in der Provinzstadt Siedlce. Insbesondere Miedzyrzec war ein Wohnort für viele polnische Juden. Wir machten Bekanntschaft mit kleinen Märkten — es gab Geflügel, Gemüse, Wodka, Hammelfleisch, Eier und Gänse zu kaufen. Dieses polnische Gebiet bis Brest-Litowsk war zum deutschen Gouvernement geworden, mit eigenem Geld und eigenen Postwertzeichen. Aber wir machten auch das erste Mal Bekanntschaft mit Wanzen: Sie piesackten uns nachts, und wir versuchten sie mit Lötlampen zu vertreiben, indem wir die Bettgestelle und Bretter abbrannten.

Noch immer wußte keiner, wohin die Reise führt. Es gab ja den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt mit dem Geheimvertrag der Abtrennung der baltischen Staaten zugunsten der UdSSR und der Teilung Polens von Nord nach Süd, am 24. Längengrad östlich von Greenwich, bei der Stadt Brest-Litowsk entlang des Bug. Bis dahin wurden wir herangeführt, und es verbreitete sich das Gerücht, die UdSSR gewähre den deutschen Truppen den Durchmarsch bis zum Kaukasus, um an die von den Engländern beherrschten Ölfelder heranzukommen. Wir waren ungefähr 40 Kilometer von der neuen Grenze entfernt stationiert.

„Ich erinnere mich genau an den 22. Juni 1941 in Miedzyrzec. Ein herrlicher, wolkenfreier Sommermorgen — plötzlich sahen wir Bomber-Einheiten und Jagdflugzeuge in großer Höhe über uns ostwärts fliegen." Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion

Im Laufe des Vormittags kam die Nachricht in unser Quartier, daß Flieger- und Panzerverbände die Grenze bei Brest-Litowsk überschritten und durch einen Überraschungsangriff die sowjetischen Truppen überwältigt haben. Bereits zwei Tage später wurden auch wir in Marsch gesetzt, fuhren den ersten Verbänden hinterher und waren bis Baranowitschi gelangt.

Kapitel V

Minsk — die ganze Grausamkeit dieses Krieges

Juni – Juli 1941 · Baranowitschi · Minsk · TF-Amt Minsk

Hier in Baranowitschi konnte man in der Tat sehen, daß die sowjetischen Truppen total überrascht und regelrecht im Schlaf überwältigt worden waren: In den Soldaten-Unterkünften standen die Kaffeetassen und Essensreste noch auf den Tischen, die Betten lagen herum, als seien sie gerade aufgestanden, Kleidungsstücke und Papiere, alles durcheinander. Häuser und Stallungen waren angezündet und brannten zum größten Teil noch. Von der Bevölkerung war wenig zu sehen — Männer ohnedies nicht.

Hier wurden wir erstmals mit neuen Geräten der Nachrichten-Technik ausgestattet — eine Spezial-Einheit zum Bau und zur Bedienung dauerhafter Langstrecken-Verbindungen. Abweichend von den althergebrachten zweiadrigen Leitungen ging es um Mehrsprechverbindungen auf Kupfer-Drehleitungen; im rückwärtigen Gebiet, das heißt ins Hinterland Richtung Berlin, wurde bereits begonnen, Kabelverbindungen zu schaffen. Erstmals standen wir vor einer völlig neuen Technik, die bis dahin niemand je gesehen hatte: sogenannte Trägerfrequenzgeräte von AEG — wohl die modernste Nachrichten-Technik ihrer Zeit. Das System: Auf einer Kupfer-Drehkreuzleitung wurden acht Gespräche durch Verlagerung in höhere Frequenzen oberhalb der menschlichen Sprachfrequenz transportiert — nicht hörbar, zwischen 3.000 und 27.000 Hertz. Zur Inbetriebnahme war eine eigene Stromversorgung von 220 bis 380 Volt erforderlich; dazu wurden große fahrbare Aggregate eingesetzt. Wir waren damit eine der wenigen Truppen, die ständig eigenen Strom zur Verfügung hatten und auch unsere Feldlager und Quartiere bestücken konnten — was manch anderen Landser verwunderte, ganz zu schweigen von der verbliebenen Bevölkerung.

Den Vorrang hatten für uns zu dieser Zeit nicht Waffen und Kriegsgeräte, sondern vielmehr die neue Nachrichten-Technik — und so wurden wir fortlaufend weiter ausgebildet und eingewiesen — je nachdem als Techniker am Gerät, als Fernschreiber, Motorenmann, Kraftfahrer oder Maschinenwart. Ich wurde als Techniker/Mechaniker ausgebildet und habe diese Tätigkeit bis fast zum Kriegsende ausgeübt. Zu unserem großen Glück, denn die Waffen wurden lediglich zum eigenen Schutz eingesetzt.

Der Aufenthalt in Baranowitschi war nur kurz, die Ereignisse überschlugen sich: In weniger als fünf Tagen gelangten wir von Brest-Litowsk über Baranowitschi bis vor Minsk. Anfang Juli waren wir in der weißrussischen Hauptstadt. Hier begann ein neues Kapitel — die ganze Grausamkeit dieses Krieges offenbarte sich in vollem Umfang. Der größte Teil der Wohnhäuser, Fabriken, öffentlichen Gebäude, Brücken und Eisenbahnen war zerstört. Zivilbevölkerung sah man kaum auf der Straße.

„Gelegentlich waren an irgendeiner Straßenecke Leute aufgehängt mit einem Schild: Ich war ein Partisan."

Zwei Ereignisse in Minsk sind mir in Erinnerung geblieben und haben mich zutiefst erschreckt. Als wir „Quartier bezogen", standen wir vor einem mehrstöckigen Wohnhaus. Ein Vorauskommando der Kompanie war dabei gewesen, das Haus zu räumen: Die Bewohner mußten sofort auf die Straße; Zeit, ihre Möbel herauszunehmen, gab es nicht — wegen möglichen Ungeziefers wurden die Möbel einfach von oben aus den Fenstern geschmissen. Hausrat, Kleidungsstücke, alles flog aus dem Fenster. Einiges versuchten die Hausbewohner auf der Straße zu retten, aber größtenteils wurden sie von Übereifrigen unserer eigenen Einheiten verscheucht.

An einem dienstfreien Nachmittag zogen wir durch die trostlosen, zerstörten Straßen von Minsk: die zerstörte Oper, die Kathedrale, das „Doma Krasnoj Armii" (Haus der Roten Armee). Fast alle Häuser waren zerstört, Straßen aufgerissen. Und dann betraten wir eine augenscheinlich gewesene Druckerei. Der Maschinenpark stand zum Teil noch. Unterhalb einer Bleiwalze lagen Flugblätter in Schreibmaschinengröße, in kyrillischer Schrift, auf der Rückseite in Deutsch — ein Aufruf Stalins an die Bevölkerung, dessen Text mir noch genau in Erinnerung ist:

„An alle Bürgerinnen und Bürger … Heute Morgen um 3.15 Uhr überfielen faschistische Truppen unser Land. Entgegen dem Nichtangriffspakt der UdSSR mit Hitler-Deutschland wurde unser Land von starken Truppen- und Panzerverbänden angegriffen. … Wir werden nicht eher ruhen und werden kämpfen, bis wir die faschistischen Eindringlinge aus unserer Heimat vertrieben haben." Flugblatt Stalins, gefunden in einer zerstörten Druckerei in Minsk

Ich habe mir eines der Flugblätter eingesteckt. Wenige Minuten danach erschien eine Streife der Feldpolizei — die von uns den bezeichnenden Namen „Kettenhunde" erhalten hatte — und jagte uns in barschem Ton vom Gelände. Anschließend wurden die Bleiwalzen mit Hämmern zerschlagen und alle Drucksachen entfernt. Einige Zeit habe ich das Flugblatt aufgehoben, aber es war mir zu riskant — es bestand die Aufforderung, jegliches Druckmaterial „vom Feind" in der Kommandantur abzugeben.

In Minsk entstand das erste große Trägerfrequenz-Amt mit den neuen AEG-Geräten. Nach wenigen Tagen waren die Verbindungen hergestellt und man konnte bis Berlin, Hannover und Paris telefonieren. Ein TF-Amt konnte man mit einem zivilen Fernmelde-Amt vergleichen, wo zentral viele Verbindungen zusammenliefen und weitergegeben wurden. Alle TF-Ämter hatten Decknamen: das spätere Amt in Smolensk hieß „DV-Rollbahn", Warschau war „DV-Weichsel", Berlin „DV-Zeppelin", Hannover „DV-Nord". Ab sofort wurde unsere Kompanie in etliche Trupps aufgeteilt, zur Besetzung der Ämter und Knotenpunkte, die in Abständen zwischen 50 und 150 km aufgebaut waren — Die Kompanie hatte einen Standort; von dort wurden wir west- bzw. ostwärts eingesetzt, auf einer Länge zwischen 200 und 300 km. In den Stationen wurde im Schichtdienst gearbeitet — Tag und Nacht.

Die eroberte Stadt wurde von starken deutschen Truppen niedergehalten. An einigen Tagen zogen riesige Kolonnen sowjetischer Gefangener an uns vorbei. Irgendwo an Straßen hatte man Menschen aufgehängt und mit Schildern versehen — „Ich bin ein Partisan bzw. ein Plünderer“ — Männer wie Frauen.

Kapitel VI

Smolensk — das Dauer-Quartier

Juli 1941 – Sommer 1942 · Knotenamt „DV-Rollbahn“

Das nächste Zwischenamt war Borissow, dann das Knotenamt Smolensk. Zu dieser Station kam ich. Wir waren ungefähr 30 Leute unter der Leitung eines Leutnants, ein Wachtmeister, zwei Unteroffiziere, ausgestattet mit der gesamten Technik, LKW, PKW und Aggregaten zur eigenen Stromerzeugung. Unser Standort: das ehemalige Telegrafen-Amt von Smolensk, stark beschädigt, aber von Pionierkräften und Eigenen wieder nutzungsfähig gemacht. Das war Anfang Juli 1941 — bis dahin glaubten die meisten, daß wir zu Weihnachten wieder zu Hause sein würden. Aber es kam bekanntermaßen ganz anders.

Smolensk sah noch schlimmer aus als Minsk: zu beiden Seiten des Dnjepr gelegen, eingenommen, von den sowjetischen Truppen zurückerobert und ein zweites Mal von den deutschen Truppen genommen. Trotz größter Zerstörung war zu erkennen, daß es eine wichtige große Stadt mit traditioneller Vergangenheit war — auf der Wegstrecke Warschau–Moskau die wichtigste Stadt und verkehrstechnisch entsprechend erschlossen. Die große Fernstraße von Brest-Litowsk bis Smolensk, so breit wie unsere Autobahnen, erhielt den Namen „Rollbahn"; in den Sommermonaten konnten dort sogar Flugzeuge landen. Über den Dächern konnte man die mächtige Kathedrale mit vier ehemals vergoldeten Kuppeln wahrnehmen. Die Stadt liegt auf beiden Seiten des Dnjepr auf zwei weitauslaufenden Höhen. Hier hatten schwere Kämpfe stattgefunden; einige tausend deutsche und sowjetische Soldaten waren bei der zweimaligen Eroberung gefallen. Davon zeugten etliche eilig angelegte Soldaten-Friedhöfe und verschieden große Lazarette. Gräber sowjetischer Gefallener habe ich nicht gesehen — es ist zu vermuten, daß sie einfach verscharrt wurden.

Smolensk wurde — was wir zu dem Zeitpunkt nicht wußten — für lange Zeit zu einem Dauer-Quartier.

Zu diesem Kapitel habe ich eine traurige Erinnerung, die ich der Nachwelt nicht vorenthalten wollte. Es muß im Herbst 1941 gewesen sein — die deutschen Truppen hatten sich vor Moskau festgerannt. Da rief mich mein Freund Gustav Engel aus Borissow an — seiner Station zwischen Minsk und Smolensk, etwa 150 bis 180 Kilometer entfernt: „Hör mal zu, Walter — unser Schwimm-Kamerad Gerhard Baumann vom Hellas Hildesheim liegt schwer verwundet im Lazarett in Smolensk. Versuch doch mal, ihn zu besuchen." Also machte ich mich auf den Weg und fragte nach dem Gefreiten Baumann. Ja, sagte man mir — aber der ist leider vor wenigen Tagen seinen Verletzungen erlegen. Gustav war sehr traurig, es war mit sein bester Freund. Nach 14 Tagen wieder ein Anruf: ich möchte doch bitte ein Foto vom Soldatengrab machen. Man hat mir dann gesagt, wo die Jungens liegen. Da war so gut wie nichts zu fotografieren — ein kleiner brauner Hügel, sonst nichts. Ich habe dann von einem russischen Gefangenen ein Holzkreuz anfertigen lassen, Name und Daten mit schwarzer Schrift — und das von einem Kameraden fotografieren lassen; ich selbst hatte keinen Apparat. Dieses Bild ging nach einigen Wochen zu den Eltern in Hildesheim.

Am Stadtrand war ein riesiges Gefangenenlager auf freiem Feld mit wenigen Unterkünften aufgebaut worden. Ich schätze, es waren an die 6.000 bis 8.000 sowjetische Gefangene, die unter total unwürdigen Bedingungen eingepfercht waren. In Schlamm und Dreck standen und lagen sie herum, hinter Gittern und Stacheldraht — bewacht, sinnigerweise, von Litauern mit großen Nilpferdpeitschen, in größeren Abständen dann deutsche Soldaten mit Maschinengewehren ringsherum.

„Tiere werden bei den Bauern besser gehalten und versorgt."

Der erste Sommer war heiß und trocken, und wir konnten uns mit Genehmigung der deutschen Kommandantur an bestimmten Tagen einige der russischen Gefangenen zur Arbeit holen, abends wieder abliefern. Wenn wir kamen, standen sie schon am Gitter und drängten sich zusammen, um geholt zu werden. Es war viel aufzuräumen, Schutt zu beseitigen, Wege zu befestigen. Sie wurden von uns gut behandelt, erhielten zu essen und auch mal eine Zigarette oder Tabak. Die wir dort hatten, waren außerordentlich geschickt und fleißig, und deshalb wurden sie immer häufiger geholt. Das ging so gut, daß wir erlaubten, daß sie sich eine kleine Holzhütte bauten. Abends mußten sie zurück ins Lager; in unsere Quartiersräume durften sie nicht herein.

An dieser Stelle erwähne ich die Begebenheit mit meinem Silberring: Einer der Gefangenen hatte einen halben Silberrubel von 1925 (einen „Poltinnik"). Er bot mir an, mir daraus einen Ring zu schlagen. Nach einer Woche bekam ich von ihm den Ring — das Monogramm „WL" hatte er mit einem kleinen Körner eingeschlagen.

Einige Monate, bis in den Oktober hinein, waren die Gefangenen da. Die Lage an der Front wurde immer brenzliger, die Überfälle von Partisanen häuften sich, und es wurde gefährlich, sich im Dunkeln in den Straßen aufzuhalten. Eines Tages große Aufregung: Zwei der Gefangenen waren ausgebüxt und hatten sich vermutlich zu den Partisanen geschlagen. Unser Leutnant bekam viel Ärger von der Kommandantur — fortan erhielten wir keine Gefangenen mehr.

Zur gleichen Zeit waren eine Frau und zwei junge Mädchen verpflichtet, in der Küche zu arbeiten. Eine davon war eine Studentin — sie hieß Ina, sehr couragiert. An einem Tage sagte sie ganz unvermittelt zu einigen von uns, zu denen sie offensichtlich Vertrauen gefaßt hatte:

„Jetzt Stalin, macht Hitler kaputt." — Ina, Küchenhilfe in Smolensk, 1941

Ich habe später, als es wirklich so kam, oft daran denken müssen.

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Wir erlebten den ersten harten „russischen" Winter. Schnee war bereits im Oktober gefallen, es war bitterkalt, aber sonnenklar und reine Luft. Brennholz mußten wir uns selber besorgen — in der Stadt war so gut wie nichts zu holen: Gartenzäune, Balken, alte Möbel, alles war restlos als Feuerholz verbrannt. Es wurden Kommandos zusammengestellt, fünf bis sechs Mann mit Säge und Äxten, in den nächsten Wald hinein. Nach 14 Tagen haben wir uns nicht mehr hineingetraut: Von einer Nachbar-Kompanie (Pioniere) war ein Trupp mitsamt Fahrzeug nicht wieder aufgetaucht — mit Sicherheit von Partisanen aufgerieben und erschossen.

Es häuften sich die Sabotagen an unseren Freileitungen. Eines Tages war auf der Strecke nach Wjasma — Richtung Moskau — die Leitung auf etlichen Kilometern total abgebaut: die Masten abgesägt, die Kupferleitungen verschwunden. Störtrupps gingen raus auf Fehlersuche. Das waren Himmelfahrtskommandos: Partisanen hatten in den Leitungen Kurzschlüsse eingebaut; bei der Fehlersuche mit Steigeisen an den Masten hoch — dann war im Umkreis von zwei, drei Metern das Gelände vermint und die Leute gingen hoch. Vielfach starben sie oder verloren Arme und Beine.

Auch auf der Rollbahn zwischen Smolensk und Roslawl konnte kein Fahrzeug mehr ohne Panzerschutz fahren. Vermeintliche Feldjäger stoppten die Fahrzeuge mit der üblichen Verkehrskelle — Fahrerkabine auf, dann gab es zumeist einen Feuerüberfall. Den Getöteten wurden Waffen, Uniformen und Papiere abgenommen, zum Teil gleich die Fahrzeuge mitgenommen. Es waren Partisanen.

Die Verpflegung wurde einseitig und teils nicht mehr ausreichend. Noch schlechter ging es der Zivilbevölkerung — ich frage mich heute: Wovon haben die noch gelebt? Ein älterer Mann kam zweimal in der Woche zu Fuß durch Schnee und Eis viele Kilometer und brachte in zwei Literkannen Milch. Dafür bekam er von uns Kommißbrot.

Post von zu Hause war immer ein großes Ereignis. Als Nachrichtensoldaten unserer Spezialeinheit hatten wir gegenüber den direkten Kampftruppen kleine Vorteile: Wir konnten — da wir die Nachrichtenverbindungen zur Heimat aufrechtzuerhalten hatten — nachts und vor 6 Uhr früh die rückwärtigen Leitungen benutzen, um in Deutschland anzurufen. Wir waren in Smolensk „DV-Rollbahn"; in Warschau war die DV (Durchgangsvermittlung) „Weichsel" stationiert, in Berlin „DV-Zeppelin", in Hannover „DV-Nord", im Raum Köln/Aachen „DV-West", dann kamen Paris und Brüssel. Es passierte schon einmal, daß wir ein Nachrichtenmädchen aus Paris an der Strippe hatten, das seinen Gesprächspartner im Raum Smolensk suchte — dabei waren wir dann behilflich — zum Beispiel mit Weitervermittlung in die vordersten Regionen gen Osten, ins Lazarett oder sonstwohin. Unter diesen Umständen konnte ich mehrfach über „DV-Nord" den Bahnhof Calvörde ansteuern und meiner kleinen Freundin Hannelore Dachenhausen ein paar freundliche Worte sagen. Das war die ersten Male auch in der Heimat ein Erlebnis. Eine private Nummer — etwa in Hildesheim, Osterode oder Braunschweig, zu meinen Eltern und Verwandten — konnte ich nicht anwählen — „Durchwählen" wie heute gab es nicht.

Unser Dienst an den Geräten ging 24 Stunden rund um die Uhr in zwei Schichten, dazu Wache zur Absicherung des Objektes oder Kurierdienst zu den anderen Stützpunkten: nach Wjasma, Roslawl, rückwärtig nach Borissow oder Minsk. Hier in Smolensk sahen wir zum ersten Mal den Dnjepr — einen der Schicksalsflüsse für deutsche wie sowjetische Soldaten, mehrfach erstürmt, mehrfach geräumt und wieder erstürmt, auf der ganzen Front bis in die Ukraine und ins Schwarze Meer bei Odessa. Zu der Zeit wußten wir noch nicht, daß wir all diese Städte und Dörfer noch kennenlernen würden. Wir waren der Heeresgruppe Mitte zugeteilt, unter dem Befehl des Nachrichten-Generals Fellgiebel, der später in den Putsch gegen Hitler verwickelt war. Man hatte uns schon Karten und Stadtpläne von Moskau in die Hand gegeben — es hieß, es erfolgt ein weiterer Generalangriff auf Moskau, dann müssen alle Truppenteile nachrücken.

Der Winter war grausam. Viel von vorne erfuhren wir nicht — einfach nur: es ging nicht weiter. Die Lazarette füllten sich, die Gefangenen wurden rückwärtig abtransportiert, wie man heute weiß bis nach Deutschland hinein als Arbeitskräfte. Aber irgendwann kamen die meisten von ihnen infolge Hunger, Strapazen und unmenschlicher Behandlung um. Sie wurden als „Untermenschen" und Tiere bezeichnet und behandelt.

Hier an der Mittelfront tat sich nichts mehr. Wir hörten lediglich, daß viele Truppeneinheiten in der Ukraine vorankamen — Richtung des unteren Dnjepr mit Ziel Charkow, ferner Richtung Schwarzes Meer zur Eroberung der Krim und der Festung Sewastopol. Das muß im Juli 1942 gewesen sein.

Kapitel VII

Südfront — Poltawa, der Dnjepr und der einsame Winterposten

Sommer 1942 – Frühjahr 1943 · Poltawa · Charkow · Bolschaja-Alexandrowka

Es hieß dann eines Tages: Wir werden verlegt in den Südabschnitt der Front, da wo Bewegung entstanden war und die deutschen Truppen im Vormarsch Richtung Charkow, Stalingrad und Kaukasus waren. In diesen weiten Räumen mußten die rückwärtigen Verbindungen weiter ausgebaut und nachgezogen werden — nach vorne zu.

Der Dnjepr sollte für unsere Einheit eine Art Schicksalsfluß werden: zuerst in Smolensk, nun im Südabschnitt über Poltawa nach Dnjepropetrowsk. In beiden Orten waren wir einige Wochen und wurden dann fest stationiert — direkt am Dnjepr in dem kleinen Ort Krjukow, auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses die größere Stadt Kremenetschug. Hier wurde unsere nächste Nachrichtenstation aufgebaut; vor und hinter uns lagen weitere Stationen.

In diesem kleinen Ort am großen Fluß waren wir einige Monate stationiert, und durch den Stillstand der Fronten arrangierten sich die Menschen — die Besatzungsmacht, wir Deutschen, und die Bevölkerung, die Ukrainer. Man muß sagen, daß die Ukrainer zu diesem Zeitpunkt zugänglicher waren als die Weißruthenen um Minsk herum; sie hatten die vollen Grausamkeiten der Front vor Moskau 1941 noch nicht erlebt. Im Gegensatz zum Mittelabschnitt trafen wir eine Landschaft an, die üppig war und viele Bodenfrüchte barg: riesige Felder mit Sonnenblumen, Tomaten, Melonen, Weizen, Obst, große Herden von Rindern und Pferden.

In Poltawa bekamen wir alle drei Tage ein Pfund Butter, reichliche Mengen an Obst und Gemüse. Butter, Sonnenblumen-Öl und Obst-Sirup-Säfte gab es im Überfluß, so daß wir etliches einschmolzen, in Büchsen zulöteten und nach Hause schickten. Tausende von Rindern wurden „westwärts" getrieben, als Schlachtvieh für die „Heimat".

„Das ganze Land wurde mittlerweile ausgeraubt — und am Ende war natürlich für die Bevölkerung nichts mehr da."

Zu verschiedenen Zeiten in diesen Sommermonaten waren es die Städte Poltawa, Dnjepropetrowsk, später die Stationen um Charkow und bis an den Donez östlich von Charkow. Nach Kiew war Charkow für uns eine der beeindruckendsten Städte — allerdings mit dem Antlitz der totalen Zerstörung: viele Kirchen, große Industrie- und Wohnbauten, auch neueren Stils.

In diesem Spätsommer und beginnenden Herbst wurden wir infolge vieler Regentage in die größte Schlammlandschaft verstrickt, die wir je erlebt hatten. Autos, Panzer, Fahrzeuge, Menschen und Tiere mußten durch kniehohe Schlammmassen waten; für einige Kilometer wurden Stunden gebraucht. Die Folge war ein Stocken im Nachschub und Behinderungen größten Ausmaßes.

Inzwischen kam der nächste Winter, und ich durfte das erste Mal in Urlaub fahren. Nach zwei Tagen Fahrt war ich seit Mai 1941 zum ersten Mal wieder in Hildesheim. Mit meiner kleinen Freundin in Calvörde stand ich die ganze Zeit in Briefkontakt, und die gelegentlichen Telefongespräche waren die Verbindung zueinander. Wir versprachen, uns im Urlaub bestimmt einmal wiederzusehen. Aber es kam in diesem ersten Urlaub nicht dazu — der Urlaub betrug nur 10 Tage inklusive An- und Abreise. Stattdessen bekam „Fräulein Dachenhausen" eine schöne Karte aus Hildesheim: „Liebes Fräulein Dachenhausen, leider konnte ich mein Vorhaben, nach Calvörde zu kommen, nicht verwirklichen. Auf alle Fälle werde ich, wenn wir gesund bleiben, im nächsten Urlaub mal zu Ihnen kommen."

Als ich zurückkam, mußten wir alle in Charkow aussteigen — jegliche Weiterfahrt zu den Einheiten wurde gestoppt. Von dem großen Kessel um Stalingrad hatte uns kein Mensch etwas gesagt. Es hieß lediglich, die Gegenwehr habe sich verstärkt, die Front sei zum Erliegen gekommen.

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Dieses Mal war ich einer der ganz kleinen Nachrichtenstationen zugeordnet. Wir waren in einem entlegenen Ort — er hieß Bolschaja-Alexandrowka. Hier mußten wir einen weiteren Winter ausharren, und die einzige Verbindung zur Außenwelt waren unsere Nachrichtenkabel und Drähte. Es war eine der Verstärker-Stationen mit Trägerfrequenz-Kanälen und eigener Stromerzeugung.

Wir hatten uns in einem verlassenen Bauernhaus niedergelassen — Fachwerkhaus mit Lehm gebaut, die inneren Räume bis unter den Dachfirst offen, in der Mitte ein riesiger Kaminofen. Und sonst war nichts ringsherum. Viele Häuser waren verlassen, in einigen hausten alte Menschen; junge Leute und Kinder gab es überhaupt nicht. Wochenlang sahen wir niemanden weiter. Der Winter kam ein zweites Mal, und wir scharrten uns regelrecht ein. Einen harten Winter oben in Smolensk, Wjasma und Roslawl hatten wir schon erlebt.

Von meinen langjährigen Kameraden war als einziger Dieter Zimmermann mit mir zusammen, der schon in Hannover mit mir die Ausbildung erlebt hatte. Die übrigen — einer war aus Breslau — kamen aus dem Raum Halle und aus Westfalen, also ziemlich zusammengewürfelt. Wir waren vier Mechaniker (dazu zählte ich), zwei Motorenleute und ein Kraftfahrer für unseren „Opel-Blitz", 3,5 Tonnen, Allrad. Alle zehn bis 14 Tage erhielten wir von der Kompanie unsere Post — mit dem „Fieseler Storch". (Hubschrauber, würde man heute sagen.)

Das Essen war inzwischen sehr kärglich geworden. Wir erhielten Konserven, das Brot war hart und alt. Von den wenigen Einwohnern bekamen wir mal dicke Bohnen oder gedörrtes Salzfleisch — dafür bekamen sie von uns Brot.

„Es mag paradox klingen: Hier waren Freund und Feind dem Hunger, Elend und der Zerstörung ausgesetzt — ein derartiges Erleben in totaler Ohnmacht gegen das Schreckliche bringt die Menschen zusammen."

Jedenfalls war es mit uns so. Wir waren uns nicht bewußt, in welcher Gefahr wir schwebten — jederzeit hätte uns ein Partisanen-Kommando hinwegfegen können.

Das Jahr 1943 wurde mit der Kapitulation von Stalingrad an der Wolga eingeleitet. Im mittleren Abschnitt der gewaltigen Front, an dem wir 1941 und 1942 stationiert waren, mußte ab Sommer 1943 nach und nach geräumt werden. Die sowjetischen Truppen rückten näher und näher nach Westen. Als sie im mittleren Abschnitt den Dnjepr wieder erreicht hatten, waren wir im südlichen Abschnitt — zwischen Dnjepr, Donez und Don.

Kapitel VIII

Rückzug und Odyssee

1943–1944 · Donez · Odessa · Galizien

Die Stationierungsplätze wurden in immer kürzeren Abständen aufgegeben. Einer Frontbewegung entgingen wir lediglich der Einkesselung, indem unsere teuren Geräte und einige Begleiter der Einheit ausgeflogen wurden. Ich war leider nicht dabei — wir mußten auf abenteuerliche Weise der Einkesselung und Gefangennahme entgehen.

T-34-Panzer der sowjetischen Armee standen uns auf ca. 300 bis 400 Meter gegenüber. Wir mußten uns eingraben und alles ging durcheinander. Neben uns und zwischen uns waren fremde Truppenteile, zumeist Infanterie und Panzersoldaten. Wenige Meter von mir erlag ein fremder Unteroffizier einem gezielten Kopfschuß — er hatte sich zu weit herausgewagt. Die ganze Hin- und Her-Bewegung dauerte eine Nacht und einen Vormittag, und wir sind noch einmal davongekommen, als wir von Pionieren über einen kleinen Fluß gesetzt wurden, der ständig unter Beschuß lag. Links und rechts lagen zerstörte Fahrzeuge, viele Panjewagen und tote Pferde flüchtender Zivilisten, die zwischen die Fronten geraten waren. Wir haben später erfahren, daß auch von unserer Einheit einige gefallen waren.

Das ausgemachte Ziel war, der Einkesselung zu entgehen — und da blieb nur noch der Weg direkt nach Süden, bis nach Odessa. Bei der Beschreibung unseres Rückzuges ab Don und Donez bis zurück an den südlichen Teil des Dnjepr muß ich auf offizielle Daten zurückgreifen — das war im September/Oktober 1943. Zu einem festen Standpunkt, wie er für unsere technischen Geräte erforderlich war, kam es nicht mehr; stattdessen wurde improvisiert: Nachrichtenverbindungen wurden nur noch für kurze Zeiträume installiert, um nach „vorne" und ins rückwärtige Gebiet die Verbindung zu halten. Unsere Einheit, die in den Jahren zuvor auf einer Länge von etwa 250 Kilometern eingesetzt war, wurde total aufgeteilt, und etliche Kommandos habe ich seit dieser Zeit nicht wiedergesehen. Einige waren vor uns, andere hinter uns. Man kann schon von einer Flucht reden, nach dem Motto „Rette sich, wer kann". In dem gewaltigen Troß der Rückwärtsbewegung wurden wir mit fortgeschwemmt, bestrebt, den Anschluß nicht zu verlieren.

„Westwärts des Dnjeprs ging es … ich muß mich verbessern“: Ausgangspunkt war ostwärts des Dnjepr, nämlich Kupjansk; es ging nach Gorlowka und Stalino, von dort nach Nikolajew und schließlich Odessa. Alle Städte waren vielfach zerstört; was noch heil geblieben war, hatten inzwischen deutsche Pionier-Einheiten gesprengt, Straßen und Schienenwege unbrauchbar gemacht. Die Krim war, wie wir erfuhren, durch die Kämpfe schon abgeschnitten.

An der rumänischen Grenze — Tiraspol und Kischinew (Bessarabien), besonders von Rumänien-Deutschen besiedelt — wurden wir von der Bevölkerung gut aufgenommen. Man hoffte, daß hier mit Hilfe der Rumänen ein Stopp des sowjetischen Vormarsches eingeleitet würde. Aber es kam anders: Die Rumänen, bis dahin Verbündete der Deutschen, wandten sich ab, und im August 1944 kam es zum Umsturz — Rumänien stellte sich auf die Seite der Alliierten, wahrscheinlich in der Hoffnung, so der sowjetischen Besetzung zu entgehen.

Entlang dieser Grenze, noch in der südwestlichen Ukraine, unterhielten wir kurzzeitig Stationen in Winniza, Berditschew und Mogilew. In Berditschew war ich auch mal wieder im Trupp mit Gustav Engel zusammen.

Ein Erlebnis, das für mich unvergessen bleibt: Ich hatte über meine Eltern von meiner Tante Marie aus Herzberg erfahren, daß ihr Mann — mein Onkel, bei der Bodentruppe der Luftwaffe — in Berditschew im Lazarett lag. Wir machten uns auf und fanden ihn. Ja, in solchen Situationen können Männer auch weinen. Ihm war der Unterschenkel durchgeschossen worden, das linke Bein und der Fuß kaputt. Er zeigte uns die Verwundung und meinte: „Hoffentlich komme ich hier raus." Zum Glück ist er herausgekommen, aber er hat zeitlebens ein behindertes Bein und einen behinderten Fuß gehabt. Seinen Beruf als Zimmermann — er war inzwischen zum Polier aufgestiegen — mußte er aufgeben. Sie wohnten bis zum Kriege in Braunschweig und gingen dann in seinen Heimatort Herzberg im Harz zurück. Später hat er noch seinen Ingenieur gemacht. Seine Frau war die jüngste Schwester meiner Mutter.

In dieser Zeit gab es auch traurige Nachrichten. Ich hatte Wochen zuvor mit meinem Cousin Hans-Ludwig Linkhorst gesprochen, dem Sohn eines Bruders meiner Mutter aus Kemme bei Hildesheim. Er war auch bei einer Nachrichten-Einheit, mitten in Bukarest — bis dahin weit vom Schuß. Bei der Umsturzbewegung der Rumänen gegen die bis dahin „verbündeten" Deutschen wurde mein Cousin von den Rumänen erschossen.

„Mein Cousin Hans-Ludwig Linkhorst, der Sohn eines Bruders meiner Mutter, wurde von den Rumänen erschossen. Das war am 23. August 1944."

Später, 1965, haben wir bei einem Rumänien-Urlaub in Bukarest die monströsen Denkmale des Umsturzes gesehen — daher kenne ich auch das Datum noch. Ich selbst habe es erst nach dem Krieg von meinem Onkel August erfahren. Er war in Hildesheim bei den 79ern in der Waterloo-Kaserne stationiert gewesen, Teilnehmer im Ersten Weltkrieg — und nun hatte er seinen einzigen Sohn verloren. Dieser war übrigens zufällig mit mir in einer Klasse der Handelsschule in Hildesheim gewesen und machte dann seine Lehre bei der Rhenus am Hafen von Hildesheim, Richtung Steuerwald.

In diesem Zeitraum fiel bei den Kämpfen im Kaukasus, am Fluß Terek — etwa 200 Kilometer westlich von Grosny — mein Freund Werner Quappill bei einem Artillerie-Beschuß. Auch ein langjähriger Schulfreund, Friedhelm Hesse — er wohnte in Hildesheim, Sachsenring/Peiner Landstraße/Martin-Luther-Straße —, war in dieser Region eingesetzt und wurde als vermißt gemeldet. Mehrere Jahre haben seine Eltern und seine Frau auf ihn gewartet — er hatte im Urlaub noch geheiratet.

An der ehemals polnisch-russischen Grenze wurden von uns noch einmal Nachrichtenstationen installiert; in Tarnopol und Kamenez-Podolsk war ich stationiert. Aber es ging jetzt alles heillos durcheinander: Rumänen, Ungarn, Tschechoslowaken und Polen standen teilweise auf deutscher oder russischer Seite. Überall standen Partisanen auf — die heranrückenden sowjetischen Truppen vom Osten und Norden hinter uns, vor uns Partisanen und Aufständische. Die vermeintlichen Verbündeten — Ungarn, Rumänien, Slowakei, Kroatien, Finnland — hatten sich längst von Deutschland abgewandt, um die eigene Haut zu retten. Es gab vornehmlich kroatische, ukrainische und finnische Verbände, die sich den Deutschen zur Zeit der Siege angeschlossen hatten — diese alle fielen jetzt den Deutschen in den Rücken. Auch die Türkei, die aus alter Tradition enge Beziehungen zu Deutschland unterhalten hatte, wollte nichts mehr davon wissen. Dabei wäre eine Eroberung des Kaukasus durch unsere Truppen der Türkei sehr recht gewesen.

Am Länderdreieck Rumänien–Ungarn–Tschechoslowakei wurden wir nochmals in einigen Regionen eingesetzt. Offensichtlich war ein Stopp an der Front erreicht, und die rückwärtigen Verbindungen bis ins Reich wurden wieder stabilisiert. Aber die sowjetischen Truppen waren uns auf den Fersen, und es folgte eine strapaziöse und gefährliche Fluchtfahrt Richtung Nordwest durch die Karpaten — auch hier viele deutschstämmige Dörfer, die uns bereitwillig aufnahmen. Es ging ins Polnische nach Przemysl und Jaroslau, und das Knotenamt wurde in Krakau aufgebaut.

Kapitel IX

Krakau — wie ein Wunder

August 1944 – Januar 1945

Das war für mich zunächst ein Glücksfall, soweit man das unter Kriegsumständen bezeichnen kann. Die Stadt, welche bekanntlich lange Zeit zur österreichischen Monarchie gehörte, war geprägt von dieser Kaiserzeit — an den Straßen, Plätzen und Gebäuden unschwer zu erkennen. Im älteren Teil zeigte sich die ehemalige Residenz der polnischen Könige: eine Handels-, Industrie- und Kulturmetropole — es gibt in meinem Besitz einen Bildband über Krakau. Bis dahin war die Stadt so gut wie nicht zerstört.

„Nach der Odyssee von Charkow und Don bis zur Weichsel — mitten in der zerstörten Welt — war das für uns wie ein Wunder."

Im ehemaligen Postamt wurde unsere Nachrichtenzentrale aufgebaut, und ich konnte auch mal wieder in Calvörde anrufen. Hier waren wir von etwa Mitte August 1944 bis zum Januar 1945.

Ich konnte sogar kleine Liebesgaben nach Hause schicken, zum Beispiel zwei geschnitzte Holzkassetten: eine für meine Mutter — die hat wohl später Rolf Ohlendorf, der Sohn meiner Cousine Anni, geerbt — die zweite Kassette bekam meine liebe Freundin Hannelore in Calvörde.

Die unter Soldaten so üblichen Brief- und Telefonbekanntschaften hatte ich inzwischen fallengelassen. Und so bekam meine Freundin kurioserweise von mir ein Päckchen mit Schokolade — die war aber nicht von der Front, sondern die hatte ich zuvor unter der Feldpostnummer 15773 von meiner ehemaligen Firma O. Gropp in Hildesheim erhalten. Eine gute Geste, die diese kleine Firma den ganzen Krieg über beibehalten hat. Der Chef war ein „förderndes Mitglied" der NSDAP, seine Söhne waren ebenfalls im Krieg — zum Glück sind beide wiedergekommen. Und auf diesem Wege bekam meine kleine Freundin Hannelore noch einen Silberring mit Monogramm „H.D."

Ein weiteres Erlebnis möchte ich zu Papier bringen: Hannelore hatte mir am Telefon gesagt, daß ihr Onkel Christian (Calvörde, Bahnhofstraße) unter Umständen in Krakau vorbeikommt und mir ein Päckchen mitbringt. Das war natürlich eine Sensation. Und so kam er tatsächlich — mit einem „Riesenkarton" voll lauter hübscher Sachen, natürlich „zum Essen", versteht sich. Als er mich sah, fing er vor Rührung an zu „heulen" — denn weich war er schon immer.

Wir hatten uns zuvor kennengelernt, denn ich durfte im Sommer 1944 noch einmal in Urlaub fahren, und nach einer mündlichen Verabredung fuhr ich für einige Tage nach Calvörde — das erste Mal wieder, seit ich im Frühjahr 1941 von dort ins Feld zog. Die Fahrt mit der Bahn war sehr umständlich: von Hildesheim nach Braunschweig (noch im alten Bahnhof), umsteigen nach Oebisfelde, dann wieder umsteigen in Wegenstedt auf die Kleinbahn bis Calvörde. Die Freude war groß, und ich wurde von meinen künftigen Schwiegereltern in der Bahnhofsgaststätte gut aufgenommen. In Calvörde wurde ich als Fronturlauber „in Zivil" bei allen Verwandten vorgestellt. Damit war es beschlossene Sache: Falls wir gesund bleiben, wollten wir uns nach Kriegsende wiedersehen. Wie das mit dem Krieg ausgehen würde, wußte zu der Zeit niemand — doch die meisten ahnten schon: es könne nicht gut gehen für Deutschland.

In der Militärsprache nannte man jegliche Rückzugsbewegung „Frontbegradigung", und so kam es Ende 1944 dazu, daß wir Krakau räumen mußten. Es ging geradewegs westwärts Richtung Tschechoslowakei, entlang der Weichsel — und niemand von uns wußte, daß wir das berüchtigte Konzentrationslager Auschwitz dicht umfahren hatten. Lediglich zweimal sahen wir Gefangene bzw. Häftlinge in gestreiften Kleidungsstücken und Holzpantoffeln, eskortiert von bewaffneten Wachsoldaten.

Bis dahin — das schwöre ich — hatten wir in unserer Einheit noch keine KZ-Häftlinge gesehen. Man durfte ihnen nicht zu nahe kommen, man durfte ihnen kein Wasser oder Brot reichen. Stupide und erschöpft liefen sie ihren Weg.

Kapitel X

Nachod — die letzte Station

Februar – Mai 1945 · Böhmen, Tschechoslowakei

Unser nächster und letzter Standort lag 300 Kilometer westwärts von Krakau, an der ehemaligen deutsch-schlesischen Grenze zur CSR, in der Nähe des Glatzer Berglandes: das Kurbad Nachod, ca. 130 Kilometer südlich vom ehemaligen Breslau. Größtenteils waren die Gebäude, in denen unsere Stationen aufgebaut wurden, Telegrafen- oder Postämter — bestehende Leitungsnetze wurden benutzt bzw. auf unseren Stand gebracht. Die Kleinstadt Nachod war vollkommen intakt, die Infrastruktur für die Bevölkerung voll vorhanden. Auch von hier aus konnten wir noch telefonieren.

Wir waren ein Unteroffizier, vier Mechaniker und ein Kraftfahrer, ausgerüstet mit der sogenannten Endstelle (Verstärker, Aggregate zur eigenen Stromerzeugung auf Basis 380/220 Volt) und einem eigenen LKW „Opel-Blitz", Allrad, 3,5 Tonnen, mit Plane und Spriegel, Ladeklappe und Bänken. Das zu erwähnen ist wesentlich — es spielt für die letzten Monate des Krieges eine wichtige Rolle.

Die Frontbewegung war wieder ins Stocken geraten; man wollte mit größten Anstrengungen ein Eindringen der sowjetischen Truppen über die Weichsel verhindern. Wir taten unseren Dienst. Allein rausgehen war nicht möglich, schon gar nicht unbewaffnet. Die Anschläge auf deutsche Einrichtungen vermehrten sich, und wir wurden zusätzlich mit Waffen ausgestattet. Erstmalig bekamen wir Panzerfäuste in die Hände und wurden eingewiesen, uns damit notfalls zu verteidigen. Die Panzerfäuste lagerten getrennt in einem Raum, die Abschußrohre mit Rückstoß lagen bei uns in der Nähe.

Im Februar erlitt ich eine schwere Grippe und mußte ins Lazarett eingeliefert werden. Neben den deutschen Ärzten waren auch tschechische Pfleger und Pflegerinnen eingesetzt. Ich wurde mit total starken Tabletten behandelt und einem sogenannten Lichtbogen ausgesetzt. Das dauerte fast drei Wochen, und die Tabletten waren so stark, daß ich total roten Urin lassen mußte. Ende März war ich wieder draußen.

Danach passierte etwas Schlimmes: Einer von unseren Leuten hatte mit dem Abschußrohr hantiert. Es löste sich der Rückstoß und verbreitete im Zimmer einen Feuerstoß von etwa zwei Metern. Der Rückstoßflügel bohrte sich in die Matratze, die Feuer fing; die Fenster waren durch den Druck herausgeflogen. Zum Glück wurde niemand verletzt, und das Feuer konnte gelöscht werden. Inzwischen war die tschechische Feuerwehr erschienen — da wir den „Zimmerbrand" selbst gelöscht hatten und die Räume für Zivilpersonen gesperrt waren, durften wir sie nicht hereinlassen. Unser Unteroffizier wurde zur deutschen Kommandantur beordert; eine Untersuchung inklusive Disziplinarmaßnahmen wurde angekündigt.

Die Lage an der Front und um uns herum wurde immer brenzliger. Die sowjetischen Streitkräfte drangen über die Weichsel Richtung Deutschland, Ostpreußen und Richtung CSR. Dieses Gebiet galt seit dem Einmarsch deutscher Truppen ins Sudetengebiet als Besatzungsgebiet — die Einwohner allerdings waren überwiegend Tschechen. Wir haben uns — und die Einwohner sich mit uns — arrangiert, so gut es ging.

In Deutschland waren sich die Alliierten und die sowjetischen Truppen schon immer näher gekommen, so daß am 25. April bei Torgau an der Elbe die Vereinigung der Truppen erfolgte. Zuvor wurden noch viele deutsche Städte sinnlos durch verheerende Luftangriffe zerstört, u.a. Dresden, Magdeburg, Aachen, Hannover und nicht zuletzt Hildesheim — am 22. März, nur zwei Wochen vor dem Einmarsch amerikanischer Truppen, die bereits am 1. April Aachen besetzt hatten. Am Geburtstag meiner Mutter — sie wurde 47 Jahre — kamen die Amerikaner in die Stadt. Es war alles zerstört.

Aber zurück zu uns: Hier herrschte noch der totale Frontkrieg; von Luftangriffen sahen und hörten wir nichts. Mittels unserer Nachrichtenverbindungen, inklusive Radio und den durchlaufenden Meldungen von und zur Front, erfuhren wir eher als viele andere Soldaten, was los war.

„Plötzlich hatten wir am 1. Mai die Meldung im Draht, daß Hitler gefallen sei — im Kampf um Berlin — hieß es."

Die Russen waren uns auf den Fersen, die Amerikaner standen in Bayern und waren im Begriff, tschechisches Gebiet zu erobern; vom Osten und Norden kamen die sowjetischen Truppen. Wir waren auf uns allein gestellt: Die Kompanie war nicht mehr zu erreichen, die Kommandantur zum Teil nicht mehr da, alles in Bewegung. Die Bevölkerung war nicht mehr zu halten — deutsche und deutschfreundliche Geschäfte wurden geplündert, Straßenschilder in deutscher Schrift, Wegweiser und alles, was deutsch aussah, wurde zerstört und kaputtgeschlagen.

Jetzt hieß es, auf eigene Faust zu handeln — auf dem schmalen Grat zwischen eigener Selbsterhaltung und der von uns verlangten Pflicht als Soldat. Wir waren sechs Leute, mit unseren technischen Einrichtungen, Waffen, Fahrzeug und begrenztem Treibstoff.

Kapitel XI · Die dramatischsten Tage

Flucht durch die Tschechoslowakei

2. Mai – 9. Mai 1945 · Nachod → Karlsbad · Sieben Tage

Die Einwohner belagerten unser Gebäude und verlangten, daß wir abziehen. Es wurde immer brenzliger, und wir wußten nicht, ob wir da lebend herauskommen. Zum Glück hatten wir in den Wochen zuvor ein relativ gutes Einvernehmen mit den Leuten von der Post und dem Telegrafenamt herstellen können.

Am 2. oder 3. Mai 1945 räumten wir den von uns genutzten Gebäudeteil. Mit der Waffe in der Hand bahnten wir uns eine Gasse zwischen den Menschen, die auf der Straße standen — jeden Augenblick damit rechnend, daß uns einer über den Haufen schießt. Einigen besonnenen Tschechen haben wir es zu verdanken, daß sie uns aus dem Gebäude ließen, an unser Fahrzeug und aus der Stadt heraus.

Die Lage verschlimmerte sich von Stunde zu Stunde. Vor der Stadt hatten sich andere zersprengte Truppenteile gesammelt, und wir bildeten einen bewaffneten Konvoi — jedes Fahrzeug bewaffnet. So ging die Fahrt los. Nach Nord und Nordwest ging nicht, denn in Schlesien und Sachsen waren die sowjetischen Truppen schon eingedrungen. Deshalb unser Weg quer durch die CSR — zunächst Richtung Prag. Wir waren nicht etwa im Rückzug, sondern, man kann schon sagen: auf der Flucht.

Jeder ahnte, was uns blühen würde, wenn wir in sowjetische Gefangenschaft gerieten. Deshalb nur noch Richtung Heimat. Der direkte Weg war längst versperrt, also quer durch ein Land, das selbst in totalem Aufruhr war und wußte, daß die deutschen Armeen sich in Auflösung befanden. Man kann die Hindernisse daran ermessen: vom 2./3. Mai aufgebrochen — und bis zum 9. Mai, dem Tag unserer Gefangennahme, unterwegs. Übrigens erst 24 Stunden nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht.

Über Pardubitz mußten wir bei Kolin über die Elbe. Neue Schwierigkeiten taten sich auf: Fahrzeuge über Fahrzeuge, Pferdewagen, Gespanne, Ackerwagen, Kutschwagen, Handwagen — alles, alles wollte über die Elbe.

„Unterwegs in Dörfern hingen hier und da einzelne deutsche Soldaten, offensichtlich massakriert von der Bevölkerung. Vor uns ein Panzerwagen, wir aus allen LKWs die Gewehre nach draußen gerichtet, Handgranaten wurfbereit."

Jetzt im bewaffneten Troß zu fahren war der einzige Schutz. Ab und zu lief ein Wagen auf eine Mine. Weiter, immer weiter. Untereinander tauschten wir Getränke und Brot gegen Benzin und Diesel. Teilweise mußten wir requirieren — Brot oder Kartoffeln; wenn es nicht freiwillig geschah, mußte Gewalt angewandt werden, durch Beschlagnahme. Nachts wurde weniger gefahren, das war zu gefährlich: bewaffnete Posten aufgestellt, die Fahrzeuge zusammengerückt.

Unser nächstes Ziel Prag mußten wir ändern — es hieß, in Prag herrscht der Aufstand und die Waffen-SS versucht, die Stadt zu halten. Ein zweites Mal mußten wir über einen wichtigen Fluß — ein weiteres Nadelöhr: die Moldau, südlich von Prag. Es wurde immer gefährlicher.

Von dort ging es nordwestlich Richtung Karlsbad und Eger — denn am unteren Teil des Bayerischen Waldes waren die Amerikaner schon so gut wie an der tschechischen Grenze, die sowjetischen Truppen nicht weit östlich von uns. Der Ring wurde immer enger. Es waren pur dramatische Tage; Durst und Hunger haben wir nicht mehr gespürt.

„Es hieß: Nur weg, nur nicht den Russen in die Hände fallen."

Ich kann mich nicht dafür verbürgen, aber es könnte die geheime Abmachung zwischen den USA und der UdSSR gegeben haben: Alle Gefangenen westlich der Elbe und Moldau kommen an die Amerikaner — alle Gefangenen östlich davon an die Sowjets.

In den beiden letzten Tagen, am 7. und 8. Mai, wußten wir nicht mehr, wie weit und wo wir genau waren — in der Nähe von Karlsbad ja, aber wer ist da, auf wen stoßen wir? Wir hatten sehr gutes Wetter und konnten uns nachts in und um die Fahrzeuge lagern — immer in der Gefahr, angegriffen und beschossen zu werden. In erster Linie hatten wir jetzt Angst vor den tschechischen Partisanen, die aktiv und zum Teil rücksichtslos vorgingen. Partisanen machen meistens keine Gefangenen — dann können sie sich nicht belasten.

Auf unsere Nachrichtentechnik konnten wir nicht mehr zurückgreifen — die hatten wir längst irgendwo stehengelassen. Auf unser Fahrzeug haben wir einige versprengte Landser mitgenommen, nach dem Motto: wieder ein Gewehr mehr zum Schutz. Zu guter Letzt schien uns ein Engel erschienen zu sein: zwei Landser mit einem ganzen Faß Kraftstoff. Also Leute und Faß aufgeladen — und weiter ging's.

Wir glaubten allemal, unser letztes Stündlein sei geschlagen — werden uns die Russen einholen, oder werden uns die Partisanen erwischen und umlegen? In den kleinen Städten und Dörfern fanden sich viele Spuren von Kämpfen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Wieder lagen Leute im Straßengraben oder waren aufgeknüpft. Es war schrecklich.

Am 8. Mai nachts hatten wir uns in der Nähe von Karlsbad in einem Wald versteckt. Im Morgengrauen dann ein Spektakel und Gebrüll — Soldaten in brauner Uniform stöberten uns auf. Grün-braune Uniformen kannten wir lediglich von den sowjetischen Truppen, allenfalls Ungarn oder Rumänen. Dann sahen wir Farbige dabei. Dann der Aufruf mit erhobenem Gewehr:

„Hands up! Have you pistol or knife?" Amerikanische Soldaten, 9. Mai 1945 · Einen Tag nach der Kapitulation

Blitzschnell im Kopf ging es mir rum — das sind Amerikaner!

Kapitel XII

Gefangenschaft und Heimkehr

Mai – Juni 1945 · Eger · Hannover · Hildesheim

Wir mußten sofort unsere Waffen inklusive Seitengewehr im Graben zusammenschmeißen, dann hieß es: aufsitzen und folgen. Links und rechts von uns Panzer und Jeeps, und wir wurden unter Bewachung auf den Feldflughafen Eger (Cheb) beordert. Dort lagen, standen und knieten schon einige tausend gefangene Soldaten. Die Fahrzeuge wurden uns abgenommen, Decken und Bekleidung konnten wir behalten. Immer ein Trupp bekam ein bis zwei Bund Stroh hingeworfen; zum Glück hatten wir unsere Zeltplanen und durften uns Zelte bauen — auf freiem Rollfeld, weiträumig bewacht von leichten Geschützen und MG-Patrouillen.

Das erste Gefühl war: Was kommt jetzt? Aber auch das Gefühl: Man wird uns hier nicht alle erschießen.

Ich darf vorgreifen: Nicht alle hatten zu diesem Zeitpunkt die Truppenlinien der Amerikaner erreicht — so auch mein Freund Gustav Engel, der mit einem anderen Troß, höchstwahrscheinlich hinter uns, den Anschluß nicht erreichte und in sowjetische Gefangenschaft geriet. Er ist erst 1947 nach Hause gekommen. Oder unser Onkel Heinrich, der bereits 1944 in Gefangenschaft geriet und um 1947 total krank und gesundheitlich ruiniert nach Hause kam — er lag hinterher ein Jahr im Hildesheimer Krankenhaus, gepflegt von seiner Frau und seiner Schwester, meiner Mutter.

Ich kann also von Glück sagen, daß ich trotz der Kriegsjahre eher als viele andere nach Hause konnte. Wir hörten auch davon, daß von den Amerikanern viele Soldaten an die Sowjets übergeben wurden — Leute, deren Heimatort im Bereich der sowjetischen Besatzungszone lag, wurden tatsächlich an die Russen ausgeliefert. Vielleicht bestand darin die Vereinbarung.

Ein weiterer Kriegskamerad, mit dem ich viele Jahre zusammen war und der meine Heimatanschrift kannte, gab diese als Entlassungsort an und kam prompt in Hildesheim bei meiner Mutter an. Sie überließ ihm Zivilkleidung von mir, und er schlug sich durch nach Erfurt. Leider habe ich von ihm nie wieder gehört — sein Name war Herbert Küttner.

✦ ✦ ✦

In den ersten Tagen ging das los mit Registrieren, Untersuchen auf Krankheiten, Befragung, Sichtung der Papiere. Jeder einzelne wurde ins Feld beordert, nackt, mit Scheinwerfer abgeleuchtet, Arme hoch — heute weiß ich warum: Es wurden alle SS-Leute herausgesucht, die, wie wir erst später erfuhren, alle eine Tätowierung unter der Achsel hatten, das SS-Emblem. Die wurden herausgefischt und gesondert weggeführt. Sie kamen bald darauf in die USA, und bekanntlich ging es denen später besser als anderen.

Das also waren die Amerikaner — sie waren von den deutschen Faschisten über Jahre als Handlanger der „Juden und Bolschewisten" dargestellt worden. Ihre laxe Art, miteinander umzugehen, hatten wir am Anfang wohl falsch ausgelegt. Wir hatten mittlerweile — schon auf dem Fluchtweg — größtenteils unsere Rangabzeichen und Ähnliches entfernt: Schulterstücke, Schnüre und Tressen. Einige Bewacher schikanierten uns und ließen uns unsere Lage spüren — da kam just ein Offizier und verbat es ihnen. Zu essen bekamen wir anfangs wenig oder nichts.

„Ulkigerweise statt Brot und Kartoffeln bekamen wir kleine Dosen mit dem Inhalt: zwei Kekse, zwei bis drei Bonbons, zwei Zigaretten."

Eine lustige Begebenheit: Wir hatten zu viert zwei Zelte gebaut, und es kam ein einzelner durch das Lager; ein Soldat von uns fragte, ob er mit ins Zelt darf. Natürlich, sagten wir. Er hatte eine große runde Dose bei sich, die unsere Aufmerksamkeit erweckte. Was hast du in der Dose? Das ist Kaffee — den wollte er mit nach Hause nehmen (obwohl er noch gar nicht wußte, ob oder wann er nach Hause kommt). Ich als alte „Kaffee-Nase" sagte ihm: „Paß auf — entweder du spendierst den Kaffee, oder du suchst dir ein anderes Zelt." Zähneknirschend gab er den Kaffee raus. Wir haben die Büchse geknackt, den Kaffee mit einer Flasche zerkleinert und auf offenem Feuer in einer 2-Kilo-Dose aus Wehrmachtsbeständen Kaffee gekocht. Auch Pfefferminztee haben wir geraucht.

Eine große Infamie leisteten sich die Wachsoldaten: Sie rauchten ihre Philip-Morris-Blend und andere Sorten und schmissen die Kippen uns vor die Nase. Wir haben sie gesammelt, aufgerissen und mit Papier neue Zigaretten gedreht.

Es gab natürlich auch weniger schöne Dinge. Vor allem junge deutsche Soldaten hatten Probleme: Etliche erlitten schwere Darmerkrankungen und starben an Fieber; in zwei Fällen fielen welche vor Schwäche in die Abort-Grube. Wir, die wir einige Jahre der Strapazen und Entbehrungen hinter uns hatten, waren den Dingen besser gewappnet.

So gingen die Wochen hin. Zum Glück hatten wir recht gutes Wetter, wenig Regen — trotzdem gelegentlich feuchter, nasser Untergrund beim Schlafen, und manch einer wurde zwecks ärztlicher Behandlung herausgeschleppt.

Die erwartete große Freiheit vom „Kommiß" war nach der Gefangennahme übrigens nicht eingetreten: Dienstgrade mußten wieder kenntlich gemacht werden; wer seine Tressen entfernt hatte, mußte alles wieder annähen. Wir waren in Hundertschaften eingeteilt, die von Offizieren befehligt wurden. Die Grußpflicht wurde wieder eingeführt, morgens gab es Appelle wie zuvor. Natürlich — wer so lange wie wir im Soldatenleben war, wußte: Ohne Disziplin geht es bei einer solchen gewaltigen Menschenansammlung nicht. Lagerdienst, Abort- und Säuberungsdienst, Essenholen, Stroh erneuern, Gelände sauber halten, Beachtung aller hygienischen Bestimmungen — einfach an den Baum pinkeln, das war nicht drin und wurde geahndet. Das Essen war mäßig, allerdings sauber und regelmäßig. Es war im Ganzen gesehen recht erträglich — wenn ich daran denke, wie die sowjetischen Gefangenen von unseren Landsleuten behandelt wurden.

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Ende Mai kam eine große Bewegung in das Freilager auf dem Rollfeld von Eger. Es hieß: Die ersten werden entlassen. Da haben wir eine sonderbare Methode der Amerikaner feststellen können — erst nach einigen Tagen war sie uns klar: Zuerst wurden alle Ausländer herausgezogen, die irgendwann als Kollaborateure oder Sympathisanten zu den Nazis gekommen waren. Dann wurden die Österreicher entlassen, dann die Bayern und jene, die in der amerikanischen Zone zu Hause waren, dann die aus den westlichen Zonen — dazu gehörte ich — und zuletzt die Soldaten mit Heimatort in der russisch besetzten Zone. Das Letztere habe ich erst später erfahren, weil ich in die britisch besetzte Zone entlassen wurde.

Es muß am 3. oder 4. Juni 1945 gewesen sein, da ging es wie ein Lauffeuer durch das Riesenlager: Die Amis wollen uns nach Hause lassen! Die Aufregung war groß und die Gerüchteküche kochte. Riesige LKWs — solche hatten wir bisher nicht gesehen, hohe Kastenwagen mit Spriegel, ohne Verdeck — fuhren vor, und es mußten immer an die 50 Leute aufsteigen. Sitzplätze gab es nicht, wir standen zumeist. Von unten wurde für jeden ein Brot hochgeworfen — one, two, three … bis 50 wurde gezählt.

Dann ging's los. Wir waren zwei Tage unterwegs; wohin, sagte uns niemand. Wir sahen nur: es ging immer nordwärts, durch einen Teil Bayerns, Sachsen, an Leipzig und Halle vorbei. Eine Nacht — das weiß ich noch genau, es war auf der Strecke Halle–Magdeburg, in der Nähe der Ortschaft Könnern — konnten wir in Scheunen auf Stroh lagern. Die Leute kamen aus dem Dorf und brachten uns in Zinkwannen gekochte Pellkartoffeln. Es war wie ein Paradies. Das erste Mal sahen wir wieder freundliche Zivilisten in unserer Nähe.

Bei Magdeburg ging es auf die Autobahn und dann Richtung Hannover. Wir haben geraten, wohin — und in der Tat: es ging bis nach Hannover hinein. Entlassungspapiere hatten wir bei der Abfahrt bekommen. Unsere Uniform hatten wir noch an: Jeder hatte hinten auf dem Rücken in schwarz-brauner Schrift ein „PoW" (Prisoner of War) und auf dem linken Oberarm einen dicken Punkt in gleicher Farbe, ca. 10 Zentimeter Durchmesser. Mitten in Hannover, in der Nähe vom Steintor, wurden die Fahrzeuge angehalten, und wir konnten problemlos hinten absteigen — das war unglaublich.

„Man stelle sich vor, aus meiner Sicht: Am 5. Februar 1941 in der Hannover-Nordring-Kaserne eingezogen — am 6. bzw. 7. Juni 1945 wieder in Hannover."

Unter Vorlage unserer Entlassungsscheine konnten wir kostenlos öffentliche Transportmittel benutzen. Da ich die Strecke über Jahre gut kannte, habe ich mich per Anhalter nach Hildesheim durchgeschlagen. Zu meinem Onkel Heinrich Linkhorst konnte ich nicht — er war in russische Kriegsgefangenschaft geraten, und die Wohnung war durch mehrfache Luftangriffe auf Hannover total zerstört; Tante Hilde war inzwischen in ihre alte Heimat Duderstadt gezogen.

Mit leichtem Gepäck — ich hatte sogar noch meinen Soldaten-Kanister — kam ich im zerstörten Hildesheim an. Meine Sorge war groß, ob das Haus bzw. unsere Wohnung in der Martin-Luther-Straße 49 noch heil war oder überhaupt noch stand. Der erste Anblick der Stadt war erschütternd, und das ganze Ausmaß der Zerstörung lernte ich erst nach Tagen kennen. Meine erste „Amtshandlung" war, mich zurückzumelden und bei den Behörden registrieren zu lassen.

Das erste, was meine Mutter sagte: „Im Sommer 1944 hast du gesagt: laß man, zu Vatis Geburtstag am 10. Juni bin ich wieder zu Hause." Im Sommer 1944 — da hatte ich meinen zweiten und letzten Urlaub. Nächstes Jahr, also '45, war von mir gemeint.

Mit Kriegsende begann ein neues Kapitel für alle Deutschen und die meisten Europäer — aber dazu in einem anderen Abschnitt meiner Aufzeichnungen. Für viele Hunderttausende von Soldaten ging es leider nicht so gut aus. Ich brauche nur an unsere Familie und Freunde zu denken.

Freund Gustav Engel hatte weniger Glück: Er geriet in sowjetische Gefangenschaft und kam erst 1947 nach Hause — gesundheitlich ruiniert. Auch Onkel Heinrich Linkhorst, der bereits 1944 in Gefangenschaft geriet, lag nach seiner Rückkehr noch ein Jahr im Hildesheimer Krankenhaus. Auch meine Frau hat einige Schulkameraden ihres Jahrgangs 1924 im Krieg verloren.

gezeichnet Walter Linkhorst
im Januar 2000

Stationen im Überblick

Der Weg eines Nachrichtensoldaten aus Hildesheim, 1940–1945 · → interaktive Karte ansehen

Okt 1940 – Jan 1941
Reichsarbeitsdienst · Feldflughafen Jagel (Schleswig)
7. Februar 1941
Einberufung Wehrmacht · Nachrichtenkaserne Hannover-Nordring (NEA 13)
Frühjahr 1941
Calvörde — Begegnung mit Hannelore Dachenhausen · Feldpostnummer 15773
30. April 1941
Hitzacker an der Elbe
Juni 1941
Verlegung nach Polen · Modlin · Warschau · Miedzyrzec
22. Juni 1941
Beginn des Russlandfeldzugs (Operation Barbarossa)
Juli 1941
Baranowitschi → Minsk → Smolensk (TF-Amt „DV-Rollbahn")
1942
Verlegung Südabschnitt · Poltawa · Dnjepropetrowsk · Krjukow · Charkow
Winter 1942/43
Bolschaja-Alexandrowka — abgelegene Verstärkerstation
1943–1944
Rückzug · Gorlowka · Stalino · Nikolajew · Odessa · Winniza · Tarnopol · Kamenez-Podolsk
Aug 1944 – Jan 1945
Krakau — Knotenamt im ehemaligen Postamt · Erster Besuch in Calvörde seit 1941
Feb – Mai 1945
Nachod (CSR) · Letzte Station · Lazarett wegen schwerer Grippe
2./3. – 9. Mai 1945
Flucht quer durch die Tschechoslowakei · Konvoi Richtung Karlsbad
9. Mai 1945
Gefangennahme durch US-Truppen bei Karlsbad — einen Tag nach der Kapitulation
Mai – Juni 1945
PoW-Lager auf dem Flugplatz Eger (Cheb)
6./7. Juni 1945
Entlassung · Hannover → Hildesheim · Rückkehr nach Hause

Die Gefallenen und Vermissten

„Ich brauch nur an unsere Familie und Freunde zu denken." — Walter Linkhorst, Januar 2000

Werner Quappill
Freund
Gefallen 1942 im Kaukasus, am Fluß Terek, ca. 200 km westlich von Grosny
Fritz Weber
Cousin, Gebirgsjäger
Gefallen 1942 in Norwegen
Walter Weber
Cousin (Bruder von Fritz)
1943 auf einem Zerstörer im Atlantik gesunken
Hans-Ludwig Linkhorst
Cousin
Erschossen am 23. August 1944 in Bukarest beim rumänischen Umsturz
Arno Heinemann
Cousin
Gefallen Frühjahr 1945, vor Berlin
Gerhard Baumann
Schwimmkamerad, Hellas Hildesheim
Gestorben an Verwundungen im Lazarett Smolensk, Herbst 1941
Friedhelm Hesse
Schulkamerad
Seit 1944 vermisst, Kaukasus-Region. Er hatte im Urlaub noch geheiratet.

In sowjetische Gefangenschaft gerieten: Gustav Engel (Heimkehr 1947) und Heinrich Linkhorst (Onkel, Heimkehr 1947, danach ein Jahr im Hildesheimer Krankenhaus).

Auch Hannelore Linkhorst, geb. Dachenhausen, verlor Schulkameraden ihres Jahrgangs 1924 im Krieg.