Reichsarbeitsdienst
1. Oktober 1940 – 31. Januar 1941 · Feldflughafen Jagel, SchleswigAm 1. September 1939 begann der 2. Weltkrieg mit dem Angriffsbefehl Hitlers auf Polen. Zu dieser Zeit befand ich mich in Hildesheim noch in der Ausbildung als Groß- und Einzelhandelskaufmann. Meine Lehre schloß ich am 31. März 1940 ab und arbeitete weiter in meiner Hildesheimer Firma bis Ende September. Zum 1. Oktober 1940 mußte ich zum „Reichsarbeitsdienst" — der vormilitärischen Organisation der Nazis.
Wir hatten einen frühen und strengen Winter und ich erinnere mich, daß wir im Laufe der Wochen und Monate Unmengen von Schnee auf dem Feldflughafen Jagel, nahe der A7 und südwestlich der kleinen Stadt Schleswig an der Schleybucht, räumen mußten. Die Start- und Landebahn der Luftwaffe, die vorrangig gegen Norwegen und Dänemark eingesetzt wurde, mußte ständig schneefrei gehalten werden.
Im Vergleich zu der noch bevorstehenden militärischen Ausbildung war der Dienst streng, primitiv und auf einem äußerst niedrigen Niveau. Unterkunft und Essen waren spartanisch und anspruchslos, die damaligen Vorgesetzten größtenteils Leute mit niedriger oder gar keiner Ausbildung. Wir jungen Leute nannten uns „Arbeitsmann", dann kam der Vormann, der Truppführer, der Obertruppführer und der Feldmeister und Oberfeldmeister — die beiden letztgenannten mit Leutnant und Oberleutnant bzw. Hauptmann der Wehrmacht zu vergleichen.
Die Hitler-Regierung erreichte mit dem Einsatz des Arbeitsdienstes zweierlei: Das Heer der Arbeitslosen, welches Ende 1933 einen Höchststand erreicht hatte, wurde drastisch vermindert — und für die Fortführung des Krieges, der ins zweite Jahr gegangen war, wurden auch durch den Arbeitsdienst wichtige materielle Vorbereitungen getroffen.
Wie gesagt, der Dienst war hart: Morgens um 5.30 Uhr war Wecken — Waschen und Anziehen in ungeheizten Räumen mit kaltem Wasser (Waschbaracke und „Latrine", alles getrennt voneinander), Unterkunft in den bis heute bekannten Baracken mit Ofenheizung und ohne jegliche Isolierung. Küche und Essenbaracke natürlich alles extra — also tägliche Wege über den Exerzier- und Appellplatz, im eisigen Wind. Natürlich wurde parallel dazu die „vormilitärische“ Ausbildung vorgenommen. Drill, Unterwerfung und Schikane waren an der Tagesordnung.
Als junger Mensch hat man vieles leichter genommen und wir waren auch im Stande, dieser Zeit frohe Stunden abzuringen. Ein Ereignis, welches mir im Detail in Erinnerung geblieben ist, war mein 19. Geburtstag.
Auf jeder Stube standen vier Doppelstockbetten, natürlich mit gefüllten Strohsäcken als Unterlage und jeder zwei Wolldecken. In der Mitte ein Holztisch und Schemel, zwischen den Fenstern der Koksofen. Dieser mußte jeden Abend um 22.00 Uhr von Glut und Asche befreit sein — Ofenklappe auf zum Rapport, das heißt Kontrolle. An diesem Abend hatten wir ein wenig gefeiert, und nun mußte um 22.00 Uhr die Glut und die Asche raus sein. Wir also, mit dem Spaten alles in den Blecheimer — den Eimer haben wir dann aus dem Fenster herausgestellt. Wenn die Kontrolle vorbei war, holten wir ihn wieder rein und beschickten den Ofen neu. Der ganze Raum war eine einzige Qualmwolke, aber das wurde hingenommen — vom Bett aus wollten wir uns noch einen zuprosten.
Der Spaten war das Heiligtum für jeden: Obwohl damit am Tage gearbeitet wurde, sah er morgens wie ein Spiegel aus. Und wehe, wenn da eine Scharte dran war, ein blinder Fleck oder gar Schmutz oder Fett.
Am Morgen dann, am 15. Oktober — Spatenappell! Ein furchtbares Geschrei von einem Obertruppführer:
Ich hatte abends die glühenden Kohlen damit aus dem Feuerloch des Ofens geschippt. Ergebnis: der Spaten hatte vom Anglühen lauter blaue Streifen, wellenförmig, die natürlich in den Stahl eingedrungen waren. Ein Theater — Volksschädigung — Schädigung des Volkseigentums! Für meine Kameraden war das natürlich ein Gaudi und führte abends zu Gelächter und weiterem Umtrunk.
Es gab auch so etwas, daß man uns Sekt aus Beutebeständen gab — das war das erste Mal, daß ich roten Sekt trinken konnte, ich glaube, es war zu Weihnachten. Aber Gläser hatten wir nicht, also wurde er aus Steingutbechern getrunken.
Eines Tages im Dezember 1940 wurde ich zu dem Oberfeldmeister gerufen, einem der wenigen akzeptablen Vorgesetzten:
Das war für mich eine willkommene Abwechslung, allerdings kamen mitunter 12 bis 14 Stunden Tagesarbeit auf mich zu: am Tage draußen, ab 16/17 Uhr dann die Schreibereien, während die Kameraden schon auf der Bude waren und Skat spielten. Das Einzige — ich wurde von den unteren „Chargen" ein wenig respektabler behandelt.
Einen „faulen Einsatz" hatten wir Mitte November für ca. 14 Tage: Für einen dänischen Professor mußten wir dessen geschichtliche Ausgrabungen unterstützen. Die dänischen Befestigungen aus den Jahren um 1864/1866 sollten freigelegt werden, und wir machten die Ausgrabungen — allerdings „löffelweise", das heißt, der Erdboden durfte nur zentimeterweise mit einer Maurerkelle abgetragen werden, um alle Überreste aus dieser Zeit zu erfassen und auf einer Schnittkarte einzutragen. In diesen 14 Tagen wurden wir reichlich verwöhnt mit Butter, Schokolade und Zigaretten — alles von dem Professor.
Wir hatten eine Ausgeh-Uniform und für die Arbeit requirierte englische Uniformen und Schuhe. Sonntags ab Mittag hatten wir gelegentlich frei und konnten nach Schleswig hineinfahren. Dort gab es dann „Kneipengang" — allerdings nur so viel, daß man nicht auffiel. Dort haben wir auch gelernt, nach norddeutscher Art Tee mit Rum zu trinken, was wir von zu Hause nicht kannten. Aus purer Not haben wir einmal nach einer langen Zechtour in einer Kneipe einen großen Aschenbecher mitgehen lassen, da wir für sechs Leute keinen hatten auf der „Holzbude".
Jedenfalls haben wir den 31. Januar 1941 herbeigesehnt, ohne zu ahnen, daß viel Schlimmeres später auf uns zukommt. Wir wurden entlassen — nach Dortmund, Gelsenkirchen, Hannover, Hildesheim, Braunschweig, Berlin, wo alle von uns herkamen. Aus Hildesheim war ich der einzige Arbeitsmann.
Das war die Arbeitsdienstzeit — 1. Oktober 1940 bis 31. Januar 1941.